Die Ballade vom toten Bruder

Wirkung

von Guy Wagner

 

Die Einheit der »Ballade vom toten Bruder« liegt in der Synthese von Spiel, Pantomime, gesprochenem und gesungenem Wort. Sie liegt zudem in der Verbindung der neugewonnenen Bedeutung der laischen Musik mit der Dramaturgie des Textes: Rebetikosänger und Bouzoukispieler werden gedeutet wie der Chor der antiken Tragödien.

Schließlich geht es Theodorakis auch um eine »ideologische« Einheit: Indem er die Griechen mit ihrer Situation als Opfer der Okkupation und des Bürgerkrieges konfrontiert und diese in Verbindung bringt mit den Konstanten einer mehrtausendjährigen Vergangenheit, verewigt in den Tragödien des Äschylos, des Sophokles und des Euripides, die jedem Hellenen Erbgut sind, fordert er seine Landsleute auf zur Selbstbesinnung. Diese darf nicht auf Haß beruhen, sondern muß auf die nationale Einigkeit im Bewußtsein eines gemeinsamen Schicksals hinausgehen.

Schon zur Premiere des Werkes am 15. Oktober 1962 durch die Schauspieltruppe von Manos Katrakis, der selbst durch die Hölle von Makronissos gegangen war, legt dieser Aufruf zur Einigkeit den Zündstoff für neue Auseinandersetzungen. Die Rechte, für die es nicht in Frage kommt, die »Verbrechen der Kommunisten« zu vergessen, tobt, weil Theodorakis es gewagt hat, das Reiz- und Tabu-Thema des Bürgerkrieges aufzugreifen. Die Linke schweigt zuerst und wirft dann dem Komponisten vor, er habe die Tragödie als Fatum, als Wille des Schicksals, auf die Bühne gebracht, statt eine Analyse der tragischen Ereignisse dramaturgisch zu gestalten. Theodorakis, das »enfant terrible«, das nach Verständigung und Versöhnung gerufen hat, spaltet die Griechen und steht im Schnittpunkt eines unversöhnlichen Hasses zwischen Linken und Rechten. Und trotzdem ist gerade dieses Werk ihm innersten Anliegen:

»Ich sehe seitdem meine einzige Bestimmung darin, die Wunde, die der Bürgerkrieg geschlagen hat, zu schließen. Makronissos war das Symbol dieser Wunde. Ohne diese Bestimmung hätte ich nicht weiterleben können. Zumal das nicht nur einen politischen Akt bedeutete, sondern vielmehr ein existentielles Rezept war. Eine Sache um Leben und Tod. Und alles drehte sich um diese >Wunde<. Einige versuchen, sie zu schließen. Andere reißen sie wieder auf, bringen sie zum Bluten, um sie offen zu halten und mit ihrer Vereiterung die Sonntagswähler zu täuschen. Dieser Zustand charakterisiert unsere gegenwärtige nationale Tragödie.« (Theodorakis: »Die Wege des Erzengels«. Bd. III, SS. 221-222)

 

© Guy Wagner, 1995-1997

5.8.1997  

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