Mikis Theodorakis:

Für Antigone


Antigone ist der in sich geschlossene Kreis einer immer wiederkehrenden menschlichen Tragödie. Sie symbolisiert das ewig Böse, das sich wiederholende Drama, das, einem Fluch gleich, das menschliche Geschlecht begleitet. Dieses Böse wechselt Form und Ausdruck und passt sich den jeweiligen Bedingungen des Ortes und der Zeit an; gleichwohl seine Substanz unverändert bleibt. Wie auch die Protagonisten.

Auf der einen Seite stehen die Schuldigen, auf der anderen die Opfer.

Die Götter des Bösen symbolisieren den Urinstinkt nach unumschränkter Macht, Gewaltsucht, nach Herrschaft. Darstellung finden sie in Kreon und Eteokles, deren Taten die obskure Seite des Menschen bezeichnen.

Ihnen gegenüber: Ödipus - die tragischste Figur, die das Böse auserkoren hat, um das menschliche Wesen in Gestalt seiner Person zu bestrafen.

Polyneikes stellt die fatale Entscheidung dar, das Böse durch das Böse zu bekämpfen.

Iokaste symbolisiert die Frau, die erwählt wurde, um die höchste Prüfung zu erleiden und Mutter der Kinder ihres eigenen Sohnes zu werden, um jenen, den Fluchbeladenen, der sich selbst des Augenlichtes beraubt, in die freiwillige Verbannung zu entlassen, um dem Streit des Eteokles und des Polyneikes beizuwohnen und um ihnen anschließend in den Tod zu folgen. Eine ganze Stadt geht mit ihnen zugrunde, und alsbald wird auch die argivische Armee den harten Preis für den Fluch zu zahlen haben, der dem Kern des Übels ent- springt, das ich "den Grundinstinkt" des verfluchten menschlichen Geschlechtes nenne.

Aus der Asche und dem dichten Rauch der absoluten Katastrophe, aus einer ruchlosen Tiefe erheben sich zwei Figuren, so weiß wie Tauben, vor einem Finsternis und Tod verheißenden Hintergrund: Antigone und Haemon sind letztendlich nichts anderes als die obligaten und unschuldigen Opfer, die bestimmt sind, auf dem Opferaltar ihr Leben zu lassen, um die Opfer der ewig herausfordernden und triumphierenden Schatten des Bösen zu sühnen.

Die Haltung und die Worte der Antigone werden von all jenen wie eine verzweifelte Hoffnung aufgenommen, die des Glaubens bedürfen, dass das Gute nicht tot ist und dass der Urinstinkt des Bösen von den Waffen der Liebe, Quell des Lebens und des Rechtes, der Schönheit, besiegt werden wird.

Seit meiner Jugend nahm ich die Existenz dieser ewig neu sich zeichnenden Kreise des Bösen wahr.

In meinem fünfzehnten Lebensjahr musste ich den Kreis des Zyklonen, des Zweiten Weltkrieges, miterleben, und konnte so einige seiner Grundzüge beobachten und festhalten, die, dauerhafte und ewige Dimensionen annehmend, weit über das Gegenwartsgeschehen hinausgingen.

Ich sah die sich ständig wiederholende Katastrophe von Theben, die jedes Mal neue, noch abscheulichere Ausmaße annahm.

Für einen Augenblick glaubte ich mit Millionen anderen, dass die Tausenden, die Millionen Antigones, die sich auf dem Altar des Primärtriebes, des Bösen, geopfert haben, genügend Sühne abgeleistet hätten, um die Natur besänftigt zu haben, damit diese weniger "böse", wenn nicht sogar "gut" werden würde. Eine eitle Hoffnung. Noch bevor sich der alte Kreis zu schließen vermag, öffnet sich bereits ein neuer. Das unbarmherzige Böse, noch mächtiger: fast möchte man meinen, es wird noch herausfordernder, noch lechzender nach Rache und Menschenfleisch.

Gleichermaßen erzeugen wir, die schwachen Verfechter des Guten, die wir die Schönheit verehren, auch heute noch "omoioma", Abbilder menschlicher Begierden, um sie wie Weihgaben in den imaginären Tempeln anzubringen, in denen der unterlegene Mensch fortwährend geehrt wird. Und bedauerlicherweise wurde bis heute noch immer keine andere Art zu leben, zu denken und zu träumen für all jene gefunden, die außerhalb des Anziehungsfeldes bleiben, in dem der Urinstinkt des Bösen diejenigen gefangen hält, die zu seinen Instrumenten werden - Schuldige und Opfer gleichermaßen - im Dienste eines uralten Fluches, der wie ein Schatten das menschliche Geschlecht verfolgt.

Mit Antigone habe ich das Gefühl, durch die Einbettung der Elemente ihres "omoiama" in ein Gefügebild, das uralte Böse zu beschwören. Hier, wie in all meinen früheren Werken, bleibe ich weder passiv, pessimistisch oder gar schwach vor der scheinbar allmächtigen Herrschaft des Bösen. Das ästhetische "omoioma", als geistiger Akt, kann diese übertreffen, um eben dem menschlichen Geschlecht seine Suprematie über die Macht des Bösen zu vermitteln, vorausgesetzt, sich mit dem Gehalt der Universellen Harmonie identifizieren zu wollen und der Gabe des Lebens hinreichend Genüge zu tun.

Und hierin liegt der endgültige Sieg des Menschen über die Götter.

Die Mythenschöpfung der alten Griechen hat die Begierden und Widersacher der zur Größe erhobenen Menschen auf das Bild vermenschlichter Götter übertragen. Und wir sehen darin den Primärinstinkt des Bösen, der durch diesen oder jenen Gott vergegenständlicht wird, der aus dem einen oder anderen Grunde die Menschen oder auch einen der Rivalen des Gottes in Gestalt der Menschen bestrafen will.

In der Inszenierung des thebanischen Kreises, der Tragödie aller Tragödien, da dieser sich auf das außerordentliche Böse bezieht, den Krieg als Folge höchster menschlicher Schwäche, den Hunger nach absoluter Macht, wählte die Weisheit der Griechen die Gebärmutter - Symbol des Lebens - als Keim des Bösen.

Iokaste, die symbolische Mutter, wird das wesentliche Instrument in den Händen des Bösen, weil der Schöpfer der Mythen auf diese Weise zeigen will, dass das den Menschen vernichtende Unheil das Kind des Menschen selber ist.

Welche Haltung ihr verleihen und vor allem wie eine solche Kreatur besingen? Wenn ich die Töne malen müsste, in die ich die Handlung von Iokaste einbette; zweier ihrer Kinder und des Chores, die ihre Begierden teilt, aber auch kommentiert, würde ich ihr die Farbe Schwarz verleihen: über den sich durchkreuzenden Funken des Blitzes und der Krater bilden sie spitze, den Horizont durchbohrende Winkel und stoßen wie eine Armee von Kreuzrittern vor.

Damit Iokaste vordringen kann, muss sie mit ihren Händen die flammenden Pfosten beiseite schieben, die sie in ihren Begierden gefangen halten; ebenso gelingt es Eteokles und Polyneikes aus der Tiefe der sie erstickenden Tragödie kurzzeitig wieder an die Oberfläche der menschlichen Natur zu gelangen, abermals unbescholtene Menschen zu werden, Instrumente des Schicksals, mit Iokaste nochmals Mutter und Sohn zu werden, um sofort wieder in die rohe Begierde einzutauchen, an deren Ziel der Tod steht.

Um wie vieles nun aber überschreitet die uns umgebende Realität die Vorstellungskraft der alten Griechen! Und um wie vieles mehr prägt sie doch das abscheuliche Bild des Krieges!

Wenn die Bomben auf eine Stadt niederfallen, verwandeln sie diese in eine leblose Landschaft, und in den Ruinen liegt tot die Mutter, jene, die dem Zivilisten und dem Krieger das Leben geschenkt hat, Hitler und dem unschuldigen Kind.

Unsere Zeiten sind voll von Gespenstern der Iokaste und feindlich gesinnter Brüder, die sich gegenseitig töten.

Das Gesetz des Stärkeren ist gotteslästerlich. Die unberechenbare Macht erfüllt den Herrscher mit Hochmut. Sie lässt ihn Besonnenheit und Mäßigung vergessen und gering schätzen. Er personifiziert im Mythos den Grundinstinkt des Bösen. Gleichwohl auch ihn die Tragödie treffen wird.

Kreon wird seinen Sohn, seine Gattin, seine Schwester und seine Nichte verlieren, und dem Menschen ins Gedächtnis rufen, dass selbst der Mächtigste, der Furchtbarste und der Hassenswürdigste nur eine Marionette in den Händen des Schicksals ist.

Letztendlich kann niemand dem höllischen Feuerkreis der Tragödie aller Tragödien entkommen, ausgenommen Ödipus, den - wie wir später sehen werden - Erkenntnis und Selbstbestrafung zur Erlösung führen werden. Aber jedes Mal droht das Böse erneut wie ein schwarzer Phönix aufzuerstehen.

Das Gedächtnis der Menschen erweist sich als schwach, weil der Mensch sehr rasch seine Leidenschaften vergisst und noch bevor die Flammen einer Katastrophe erlöschen, nährt er sie abermals. Wie kann einer solchen Kreatur Achtung und Ehrfurcht entgegengebracht werden, ihr nicht das Erbarmen verwehrt werden, wenn der Mensch seit Jahrhunderten nichts aus seinem eigenen Unheil gelernt hat?

Aber da erheben zwei unschuldige und reine Geschöpfe, die schwächsten, Antigone und Haemon, die menschliche Hoffnung auf ihre schwachen Schultern. Ihre größte Stärke schöpfen sie aus der Liebe. Der letzte Chorgesang des Werkes: "Eros anikate machant - Liebe, unbesiegbar in der Schlacht" zum ersten Mal gesungen, begleitet die beiden Liebenden in ihr gemeinsames Grab wie eine Hymne auf das Leben, das die Gipfel eines wahren Triumphes erlangt, wenn die beiden, endlich Kraft aus ihrer Liebe schöpfend, Geist und Licht werden und für immer die dunklen Mächte der Angst und der Nacht verschwinden lassen, die den Primärinstinkt des Bösen über das menschliche Geschlecht ergossen hat.

Aber Haemon und vor allem Antigone finden nicht nur in der Liebe Inspiration. Ihr reines Wesen lehnt sich vor dem widerlichen Gesicht des Tyrannen auf. Der Respekt vor den Toten symbolisiert in ihrer Person die Verbundenheit mit den Grundgesetzen des Lebens, die wiederum in den zwischenmenschlichen Beziehungen die Form harmonischer Grundregeln annehmen, die die Grundgesetze der Weltharmonie reflektierend, Quell des Beginns und der Unvergänglichkeit des Lebens sind.

Die Gegenüberstellung von Kreon und Antigone trägt symbolischen Charakter, die dem Menschen als Lehre dient, sie zu Vernunft mahnt und sie lenken soll.

Auf der einen Seite haben wir die eiserne Kraft der Macht und auf der anderen die bloße und zarte Gestalt eines reinen, aber von moralischer Erhöhung geleiteten Mädchens, das die belebende Kraft des Werte schöpfenden Menschen darstellt. Diese Kraft, die siegen wird, die sich behaupten wird trotz der dauernden und wiederkehrenden Todeskreise, die ihrem Weg durch ihr zweites, vom Grundinstinkt des Bösen beherrschtes Naturgesetz, das Negative, entgegenwirkt.

Ödipus sei hier nun an letzter Stelle erwähnt. Die Ironie des Lebens wollte es, dass er so lange glücklich war, wie er in Unwissenheit lebte. Er rettete Theben vor der Sphinx, ohne zu wissen, dass dies eine List der Götter war, um ihn in die Arme seiner eigenen Mutter zu treiben, und von da zur Blutschande, zur Verletzung eines der grundlegenden Gesetze des Lebens. Er aber wusste es nicht und lebte glücklich. Er zeugte Kinder, die sowohl seine Kinder als auch seine Brüder und Schwestern waren. Auch diese wussten es nicht, genauso wenig wie Iokaste, die Gattinnenmutter, oder die gesamte Stadt in Unkenntnis der Tatsache war.

In Ödipus der Tyrann beschreibt Sophokles den Weg des Ödipus von der seligmachenden Unwissenheit bis zur verheerenden Erkenntnis. Eine geheimnisvolle innere Kraft führt ihn zur Offenbarung der Wahrheit, die nicht nur sein Ende ankündigt, sondern das Ende all jener, die ihn umgeben, seine Verwandten und seine thebanischen Mitbürger.

Fast konnte man meinen, der Vers des Solomos: "das Licht erstrahlte und der Geist hat sich selbst erkannt", sei für den tragischen König von Theben geschrieben, der sich, um die Welt nicht mehr zu sehen, die ihn an seine unfreiwilligen Verbrechen erinnert, symbolisch die Augen ausreißt.

Und der Chor wird sagen: "Verblendet sind Gehör, Geist und Sehkraft" mit seinen Wiederholungen in Altgriechisch, die diesem Vers die nötige Stärke verliehen haben, um sich unsterblich über die Jahrhunderte hinweg emporzuschwingen.

Den Preis für die Erkenntnis zahlend, die Verblendung von Geist, Gehör und Sehkraft, überschreitet Ödipus seinen Kreis des Bösen, der ihn seit seiner Zeugung umgab, und, im Mittelpunkt der Tragödie stehend, die er selbst, ohne es zu wollen, in sich und um sich herum aufbaute, wird er trotz der ihn verfolgenden Götter zu einem unbescholtenen Mann.

Unbescholten im Sinne von frei, nicht angepasst, fähig, zu den Göttern wie mit seinesgleichen zu sprechen, die sich selbst erhöhen, indem sie den Menschen Angst, Tod und Wehklagen auferlegen.

Mit der errungenen Erkenntnis geht Ödipus geläutert aus der Sünde hervor: "Sei rein, Mensch, dass deine Worte und deine Werke im Gleichklang mit den heiligen Gesetzen des Universums stehen. "

So erlangen Ödipus durch seine Erkenntnis und Antigone durch ihr Opfer die wichtigste Gabe des Lebens, ihre Verbundenheit mit den Gesetzen der Universellen Harmonie.

Das Verlassen der thebanischen Mauern ist ein Symbol. Ödipus weiß, dass er auf immer die Stadt hinter sich lässt, die die Götter auserwählt haben, um Ausdauer und Grenzen des Menschen in Gestalt seiner Person auf die Probe zu stellen. Aber die Pest hat sich verbreitet und jeden Bürger, jedes Haus, jeden Stein erfasst, und deshalb muss die Stadt zum Untergang verurteilt sein. Der schlimmste Weg wurde dafür bestimmt. Polyneikes besetzt sein eigenes Land mit der argivischen Armee. Thebens Verteidiger, Eteokles, entkommt dem Verhängnis der Stadt nicht, genauso wenig wie Polyneikes dem Schicksal der Argiver, selbst wenn diese sich gegenseitig abschlachten. Auf ihrer beider Leichen und der von Iokaste werden die beiden Armeen vernichtet, und Theben in einen Trümmerhaufen verwandelt. Der Geist des Bösen obsiegt und erhebt den Kreis von Theben zu einem ewigen Symbol.

Ein einziger soll diese biblische Katastrophe überleben, jener, der sie ungewollt heraufbeschworen hat: Ödipus. Bevor er aber diese verfluchte Stadt verlasst, wird er die Menschen beschuldigen, sich durch lebenslange Selbstverleugnung den Stärkeren zu beugen, und haben sie ihren Irrtum dann erkannt, ist es im Allgemeinen zu spät.

Ödipus, angewidert, verjagt die Strohmänner des Tyrannen.

"Gehet! Gehet! Ich erwarte von den Menschen keine Erinnerung. Meine Ohren wollen nicht mehr die Stimmen willfähriger, eingeschüchterter Menschen hören. Ich will keine leeren Worte mehr hören. Die Stimme ihres Herren kenne ich gut. Tyrannisch, autoritär. Aber der Tyrann wird büßen."


So wird Ödipus, der Letzte der Menschen, der Erste werden. Die Prüfung führt ihn zur Erkenntnis, und die Erkenntnis zur Selbstbestrafung, und die Selbstbestrafung zur Freiheit.

"Ich werde von einem blauen Licht geleitet, das von ganz weit herkommt, aus der Tiefe der Unendlichkeit. Dorthin führt mich mein Weg. Ich werde Licht. Ich werde Licht. Ich werde verschmelzen mit dem Licht der Galaxie!"


© Mikis Theodorakis, Vrachati, 15.4.1999


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