Die
Verbannungszeit von Theodorakis in Zatouna (Peloponnes) dauerte
vom 21. August 1968 bis zum 26. Oktober 1969, wo der berühmte
Gefangene ins Straf- und Konzentrationslager Oropos bei Athen
abgeführt wird. Es war eine Zeit voll Repressionen, Angst
und Unterdrückung gewesen, und doch darf
man
die
Zeit in Zatouna nicht nur negativ sehen. Es besteht kein Zweifel,
daß Mikis' ständiges Überlisten der Bewacher
und des Regimes, seine immer wieder in Europa verbreiteten Lieder
und Botschaften ebenso viele Ohrfeigen für seine Unterdrücker
sind. Seine Haltung beweist: Auch noch so viele Panzer, noch
so harte Knebelungen können die Stimme des Geistes, den
Geist der Musik, die Musik der Freiheit nie völlig unterdrücken.
Denn die Zeit in Zatouna ist eine kompositorisch sehr fruchtbare
und reiche Zeit gewesen. Nicht weniger als elf Zyklen entstehen,
die unter dem Gesamttitel »Arkadia«
eine Schaffenseinheit bilden.
Man fragt sich nur, wie es Theodorakis möglich war, derart
produktiv zu sein.
In dieser Zeit steht er unter einer Art innerem Zwang. Er muß
kreativ sein, um nicht zu verzweifeln, um sich selbst Mut zu
machen. Jedes Werk wird eine Herausforderung an seine Unterdrücker,
jedes Zeichen von außen richtet ihn neu auf und stimuliert
ihn, weiterzuarbeiten. Hinzu kommt auch, daß diese totale
Isolation in sich selbst Anlaß zur schöpferischen
Arbeit ist: Theodorakis kann nichts anderes tun als komponieren
und schreiben.
Es ist die Auseinandersetzung mit dem dichterischen Wort, die
sein musikalisches Schaffen bestimmt und ihm eine fast unglaublich
anmutende Vielfalt und Komplexität gibt.
Später sagt Theodorakis dazu:
»Ja, das Problem der Vertonung von Versen, von Dichtung
ist ein sehr komplexes Problem. Als erstes glaube ich, ist Bildung
notwendig, d.h. es mußeine Bindung mit der Dichtung vorhanden
sein. Quantitativ und qualitativ gesehen. Also man mußviel
Dichtung gelesen haben, und auf der anderen Seite mußman
die Dichtung gelebt haben. Ich persönlich war, bevor ich
komponierte, Dichter. Also ich schrieb schon vorher Verse, weil
mir die Dichtung sehr gefiel. Nun, was jetzt ihre Beziehung
mit der Musik angeht. Es gibt Momente, in denen man ein dichterisches
Werk liest, das sofort zu dir spricht, du entdeckst die versteckte
Musik, die im Text existiert, und du schreibst sie auf. Ein
anderes Mal hast du eine Vorstellung der Musik, und du wei§t
nicht, wie du sie ausdrücken sollst, und plötzlich
begegnest du einem Text und erkennst, daßdieser Text deinen
Vorstellungen entspricht.«
Einzelne Werke als Ergebnis dieser Auseinandersetzung sollen
besonders erwähnt werden.
In »Arkadia I« zieht Theodorakis
mit eigenen Texten eine Art Bilanz, verkündet ein kämpferisches
Glaubensbekenntnis, das ihn als überzeugten Demokraten
ausweist.
»Arkadia II«
und »Arkadia III«
greifen Texte von Eleftheriou auf. Sie gehören zu dem Herbsten,
Wehmütigsten und auch Aggressivsten, das Theodorakis geschrieben
hat und vertiefen die latente bittere Ironie, die schon in »Arkadia
I« angeklungen ist.
»Arkadia IV«, die Vertonung der
Oden von Andreas Kalvos, steht mit seinen drei Melodien in der
großen Tradition der klephtischen Gesänge. Mit Kalvos
ruft Theodorakis zu den Waffen auf.
Ein Kriegslied, ein Päan, ist »Arkadia
VI«, eine leidenschaftlich-erregte Musik, die
in Richtung der »Chanson-fleuve« geht:
Der große, weite Atem, die geballte Ausdruckskraft schaffen
eine Atmosphäre von seltener Spannung und Dichte.
Auch »Arkadia VII: O Epizon«
(Der Überlebende) gehört zu dieser Tradition. Der
herrliche Text von Takis Sinopoulos, der von der Frage ausgeht:
»Was ist das für ein Ort?«, Frage,
die am Schluß wiederholt wird und dem Gedicht zyklischen,
unendlichen Charakter gibt, ist ideal geeignet für ein
»endloses Lied«. Der weite Atem und eine Melodie,
die in immer neuen Variationen weitergeführt wird, sind
die eindrucksvollsten Charakteristiken dieses Werkes.
Es ist ein weiter Weg von den »Miniaturen«
der laischen Lieder bis zu diesen Gesängen, zu denen auch
»Arkadia VIII«
auf zwei Texte von Manolis Anagnostakis gehört: »Milo«
(Ich rede) und »Charis 1944«, ein
Gedicht, das den Tod eines Jugendlichen in eindringlichen Bildern
schildert, werden zu sinfonischen Liedern von beklemmender Dichte.
Das
schönste Werk dieser Zeit aber ist »Arkadia
V« (Der Marsch des Geistes) auf ein episches
Gedicht in freien Versen von Angelos Sikelianos, das den Mythos
des Prometheus in einer überzeugenden Bildersprache neu
darstellt. Ihm widmen wir ein eigenes Kapitel auf diesen Seiten.
©
in: Guy Wagner: Mikis
Theodorakis. Ein Leben für Griechenland