Zum Antisemitismus-Vorwurf gegen Theodorakisvon Asteris KoutoulasLieber Guy,
Dazu muss ich ein wenig ausholen. Die Griechen sind wie die Juden ein vergleichsweise kleines Volk, und die Hälfte ihrer Population befindet sich noch dazu in der Diaspora. „Bruderlos“ – so hat Mikis die beiden Nationen in der Pressekonferenz vor zwei Wochen genannt. Wie die Juden gehören auch die Griechen keiner Völkergemeinschaft an, anders also als die Slawen oder Araber. Selbst ihre Religion, obwohl christlich-orthodox, ist autokephal. Aufgrund dieser Umstände bildeten die Griechen schließlich wie die Juden eine ganz eigene Mentalität heraus, weswegen sie oft in Widerspruch zu anderen gerieten. Das eine wie das andere Volk war in vielen historischen Augenblicken auf sich allein gestellt. Z.B. haben die Griechen zu Mussolini und Hitler nicht nur „Nein“ gesagt und die italienischen Truppen sechs Monate lang bekämpft und besiegt, bevor die Deutschen angriffen, sondern sie mussten aufgrund von massenhaften Protesten der Bevölkerung gegen die deutschen Okkupanten als einziges der besetzten Länder weder Zwangsarbeiter nach Deutschland noch Soldaten an die Ostfront schicken. Der Preis, den sie dafür zahlten, war hoch: etwa 500.000 Tote während der Besatzungszeit und eine zerstörte Heimat. Während der deutschen Besatzungszeit (1941-1944) entwickelte sich in Griechenland eine starke Widerstandsbewegung. Bei einer Bevölkerungszahl von 7 Millionen waren fast 2 Millionen Menschen in der Nationalen Befreiungsfront organisiert, davon waren 150.000 bewaffnete Partisanen. Zu ihnen gehörte auch Theodorakis. Als im Oktober 1944 der letzte deutsche Soldat Griechenland verließ, hatte sich das Land praktisch selbst befreit. Die „verbündete“ englische Armee, die erst nach dem Abzug der Deutschen einmarschierte, kam, um die linksgerichteten Partisanen mit militärischen Mitteln anzugreifen, die Nationale Befreiungsfront zu zerschlagen und einen England-freundlichen König einzusetzen. Das löste den Bürgerkrieg aus, der von 1946 bis 1949 dauerte. Die Engländer mussten schließlich aufgeben und riefen die Amerikaner zu Hilfe, die ihre Truman Doktrin in Griechenland umsetzten. Erstmals wurden Napalmbomben auf die ländlichen und bewaldeten Regionen vor allem Nordgriechenlands abgeworfen. Der Bürgerkrieg forderte 100.000 Opfer auf beiden Seiten, 15.000 Mitglieder der Befreiungsfront wurden hingerichtet, weitere 100.000 eingesperrt oder auf Verbannungsinseln deportiert (auch Theodorakis war über Jahre mehrmals in Verbannungslagern auf verschiedenen Inseln in Haft, darunter auch im berüchtigten Todeslager auf Makronisos). 75.000 Partisanen mussten 1949 ihre Heimat verlassen und ins Exil gehen. Nach dem Bürgerkrieg übernahm das Regime des Königshauses, der Armeeführung, des Polizeistaats und der Amerikaner die Herrschaft. Alle Schlüsselpositionen des Staatsapparates wurden mit hörigen Vasallen besetzt. Alle Häftlinge, die im Verlauf der fünfziger Jahre endlich aus Lagern und Gefängnissen entlassen wurden, sahen sich plötzlich zu „Bürgern Zweiter Klasse“ gemacht. Doch die Demokratiebewegung war dann Anfang der sechziger Jahre nicht mehr niederzuhalten. Nach der Ermordung des Abgeordneten Grigoris Lambrakis ("Z") durch ultrarechte Kräfte im Jahr 1963 bildete sich die Lambrakis-Jugendbewegung. Theodorakis wurde ihr Vorsitzender. 1965 missbrauchte der König die Vollmachten, die er besaß, gegen die gewählte Regierung und setzte ein ihm genehmes Regime ein. Kurz vor den Wahlen im April 1967 putschte das Militär – mit Billigung der amerikanischen Regierung –, was eine siebenjährige Obristendiktatur (1967-1974) zur Folge hatte. Mehr als 20.000 Menschen wurden verbannt und eingesperrt. Verurteilungen durch Militärgerichte, Verhöre, Folter und Verfolgung waren an der Tagesordnung. Die Folterknechte in der Sicherheitszentrale Athens, in der man auch Theodorakis gefangen hielt, waren in amerikanischen Spezialschulen ausgebildet worden. Aber dieser Alptraum – „Geschenk“ der USA-Doktrin – war noch nicht alles. 1974 gab die USA-Regierung dann – wie Henry Kissinger selbst schreibt – grünes Licht für eine Invasion der Türkei auf Zypern und für die Besetzung von 40 % der Insel. Es gab Hunderte von Toten und Vermissten, Zehntausende von griechisch-zypriotischen Entwurzelten und Flüchtlingen. Die daraus erwachsenen Konflikte bestehen bis heute. Diese bitteren
historischen Erfahrungen führten in Griechenland zu einem wohl
nachvollziehbaren Antiamerikanismus und erklären
u.a., warum dieses Land geschlossen gegen den Irak-Krieg und so
vehement gegen die Bombardierung Jugoslawiens war. Die Bevölkerung
Griechenlands verhielt sich nicht nur aus Solidarität mit den
zivilen Opfern so, sondern auch, weil die meisten Griechen gegen Gewalt
und Willkür, aus welchen Gründen auch immer, sind. Die
Bombardements in Jugoslawien und im Irak fanden ohne UNO-Resolution
statt, was für die meisten Griechen in der Konsequenz bedeutete,
dass sie, hätten sie dem zugestimmt, das Gesetz des
Stärkeren, also „des Dschungels“ gebilligt hätten. Vielleicht haben viele Menschen in Griechenland auch darum eine solche Sicht auf die Dinge, da in den Zeiten, da sie die Betroffenen waren, niemand kam, um sie von irgendeinem ihrer Diktatoren zu befreien (die übrigens die heutigen „Sachwalter“ der Menschenrechte und der Freiheit zwischen 1967 und 1974 selbst in Griechenland eingesetzt hatten). Die Haltung der Griechen hatte im Falle Jugoslawien und Irak zur Folge, dass Griechenland gewissermaßen in die Isolation gedrängt wurde. Für Theodorakis
ergab sich daraus die Frage, „was uns von anderen unterscheidet“ und
„auf wen sich Griechenland eigentlich stützen kann, wenn
sein Umfeld ihm gegenüber negativ eingestellt ist“. Theodorakis sieht aber – den Satz von George Bush vom „Reich des Bösen“ paraphrasierend – die „Wurzel des Bösen“ in der imperialistischen Politik der USA, und er kommt zu dem Schluss, dass die jüdische Nation, die den Griechen ein Vorbild im positiven Sinne sein könnte, zur „Wurzel des Bösen“ hin, also in die erstickende Umarmung eben dieser imperialistischen Politik der USA hinein getrieben wird. Es kann sein, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Interessen Israels am besten im Rahmen des Bündnisses mit den USA vertreten werden. Welche Interessen aber? Unter welchen Gesichtspunkten? Für Theodorakis sieht es so aus, als zähle vor allem der Blickwinkel Sharons und anderer ultrarechter Kräfte, die mehr an eine Politik der Gewalt und des Krieges glauben, so dass nicht nur die Politik Israels und in der Folge Israel insgesamt, sondern in gewisser Hinsicht unweigerlich auch die jüdische Nation zur Geisel einer aggressiven USA-Politik wird, wenn sie sich nicht dagegen wehrt. Das ist Sinn und Kern der Aussage von Mikis, die in der Presse verstümmelt und fälschlicherweise als Antisemitismus dargestellt wurde. Lächerlich, jemandem solch eine Haltung unterjubeln zu wollen, der als junger Mann z.B. gegen die Nazis kämpfte und als Mitglied der Widerstandsbewegung mithalf, über 8.000 Juden vor der Verfolgung zu bewahren. Während der Besatzungszeit nahm Theodorakis, wie viele griechische Partisanen, griechische Familien, die Juden versteckten, unter seinen Schutz. Theodorakis hat sich immer wieder mit dem Martyrium der Juden auseinander gesetzt und seiner Verzweiflung darüber in seinem „Mauthausen-Zyklus“ musikalisch Ausdruck verliehen, den die Überlebenden von Mauthausen selbst auswählten, um 1995 den fünfzigsten Jahrestag der Befreiung des KZs zu begehen und an die Tragödie zu erinnern. Ich war dabei, als Mikis auf dem ehemaligen Appellplatz die Kantate, die in drei Sprachen (Hebräisch, Griechisch und Deutsch) gesungen wurde, dirigierte und Simon Wiesenthal die Ansprache hielt. 1972 reiste Theodorakis als einziger namhafter Künstler nach Israel, um offen seine gegenteilige Meinung zum ägyptischen Präsidenten Nasser zu bekunden, der die Juden „ins Meer schmeißen“ wollte. Mit seinem damaligen Israel-Besuch hatte Theodorakis zugleich das „Embargo“ gebrochen, das die „fortschrittlichen“ Kräfte Europas über Israel verhängt hatten. Theodorakis brachte dies große Sympathie in Israel und hasserfüllte Reaktionen europäischer Linker ein, die ihn in vielen Zeitungsartikeln als „Helfer der Zionisten“ beschimpften. Mir fiel bei den Tourneen in den letzten zwanzig Jahren auf, dass immer, wenn Theodorakis in Israel war, er die Rechte der Palästinenser verteidigte und dafür eintrat, dass beide Völker friedlich mit- und nebeneinander leben sollten. War Theodorakis in Syrien, Libanon oder Tunesien, setzte er sich vehement für die Rechte und die Existenz Israels ein. Ich weiß, dass er sich nie gescheut hat, seine Meinung öffentlich zu äußern, ohne Angst vor persönlichen Konsequenzen. Nach der „Mauthausen“-Kantate 1964 und seiner Oper „Die Metamorphosen des Dionysos“ von 1985, in der er eine ganze Szene dem Leid des jüdischen Volkes während des Zweiten Weltkriegs widmete, komponierte Theodorakis 1981 die „Hymne der Palästinenser“, was er bei seinem letzten Konzert in Israel so kommentierte: „Ich liebe beide Völker, das der Juden und das der Araber, und es ist mein Traum, sie friedlich miteinander leben zu sehen ...“ Bereits 1972 hat Theodorakis in Libanon Terroranschläge der PLO scharf verurteilt, und zwar vor der versammelten PLO-Führung. Für ihn waren und sind blindwütige Angriffe inakzeptabel, denen auch Zivilisten zum Opfer fallen. Auf der anderen Seite sieht Theodorakis die Angriffe der israelischen Armee mit einkalkulierten zivilen Opfern. Auch darum kann er die Hinwendung Israels zur „Wurzel des Bösen“, also des Krieges, nicht stillschweigend hinnehmen. „Denn alle Kriege sind unmenschlich und schmutzig.“ Zum Schluss möchte ich noch einen sehr persönlichen Eindruck festhalten, der mit der Persönlichkeit von Theodorakis zu tun hat. Ich werde nie vergessen, wie er zusammen mit seinem türkischen Freund Zülfü Livaneli Mitte der achtziger Jahre die Griechisch-Türkische Freundschaftsgesellschaft gegründet und die griechische Regierung aufgefordert hat, sich mit dem „Erzfeind“ Türkei auszusöhnen und mittelfristig eine Konföderation nach skandinavischem Muster zu gründen. Es gab, glaube ich, keine griechische Partei und keine griechische Zeitung, die ihn nicht des „Landesverrats“ bezichtigt hätte (inzwischen sind die Aussöhnung und Kooperation mit der Türkei Teil der offiziellen Politik Griechenlands). Ich will damit sagen, dass Theodorakis ein Mann der klaren Worte ist und dass er zu einer antisemitischen Haltung, wenn er sie hätte (ich betone: wenn), kompromisslos stehen würde. Tatsächlich ist dies aber eben nicht seine Haltung. Er hat das in einer Erklärung einen Tag nach den Anschuldigungen klargestellt. Leider „interessiert“ das die Presse aber nicht mehr, oder zumindest lässt sie ein mögliches Interesse daran nicht erkennen, denn wahrscheinlich lassen sich aus dieser Tatsache derzeit in unserer Informations-Gesellschaft keine Story und keine Schlagzeile mehr machen. Lieber Guy, ich bitte dich dafür um Verständnis, dass ich etwas ausgeholt habe. Aber es war notwendig... Mit besten Grüßen
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