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Auf
komplexeste Art hatte Theodorakis in»Axion
Esti« die unzähligen Strömungen der griechischen
Musik vereint und ihnen zugleich eine universale Dimension gegeben,
indem er sie mit den Strömungen der sinfonischen Musik verband.
Für
»Axion Esti« (Gepriesen sei)
muss man ganz einfach von einem Meisterwerk von zeitloser Gültigkeit
sprechen.
Das Werk war großenteils schon 1960 vollendet worden, Theodorakis
aber arbeitete noch drei Jahre daran und zögerte fast vier
Jahre im ganzen, bevor er es öffentlich aufführte.
Zuerst mußte er das Volk, dem er es anvertraut, durch seine
anderen, immer komplexen Kompositionen darauf vorbereiten.
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Theodorakis
greift in »Axion Esti« auf einzelne Teile
des großen epischen Gedichtes von Odysseas Elytis, ein »revolutionäres
Werk«, wie er selbst sagt, zurück.
In ihm wird in mythologisch-biblischem Geist die Geschichte des griechischen
Volkes und damit ganz allgemein, das Geheimnis der menschlichen Existenz
- Geburt (»Genesis«), Leben, Leid, Tod (»Passion«)
und Unsterblichkeit (»Axion Esti«) - sinnbildhaft
gedeutet.
Die »Genesis« feiert die Entstehung des
griechischen Meeres und der griechischen Erde, »diese Welt
die kleine die große«, aus dem Chaos: »Da
sprach er, und das Meer ward geschaffen«, entspricht dem
biblischen: »Und Gott sprach, es werde Licht, und es ward
Licht.«
Sie endet, »wenn der Dichter zum Wissen und damit zur Schuld
gelangt. Schuld führt zur Passion. Der
einzelne gehört zur Allgemeinheit und erfährt ihre Leiden,
die Geschichte der Menschheit« im geschichtlichen Drama von
Unterdrückung und Widerstand.
Die Erfüllung im »Axion Esti«, der
Lobpreisung aller Elemente, der Winde, der Inseln, der Mädchen
und Frauen, welche »die endlose Träne«, »das
Stammeln der Liebe auf rauhen Felsen«, die Hand, »die
endlich zurückkehrt vom gräßlichen Mord, die für
immer begreift die Welt in Wahrheit, die unvergleichliche, das Jetzt
der Welt und die Ewigkeit« feiert, sie wird erst möglich
durch diese »Passion«, das Leiden des Volkes.
Indem der Text Hymnen in freien Versen, Prosarezitative und metrische
Chöre alternieren läßt, schafft er für den Komponisten
die Möglichkeit, ein Oratorium zu gestalten, einen musikalischen
Kosmos, wie er bis dahin in der griechischen Musik noch nicht bestanden
hat.
Theodorakis vertraut die Rezitative einem Erzähler
an: Die Texte werden ohne musikalische Untermalung deklamiert.
Die Hymnen sind dem Kantor vorbehalten, der
die Aufgabe des »Psaltis« der
byzantinischen Liturgie übernimmt. Sie werden von einem mehrstimmigen
Chor und einem sinfonischen Orchester unterstützt.
Die Lieder des Mittelteiles werden vom Rebetikosänger
vorgetragen. Sie bleiben in der Tradition des laischen Volksliedes,
werden aber durch die Harmonik der Musik und die Verstärkung der
Textaussage durch Chor und laisches Orchester zu einer neuen Dimension
geführt. Dabei stellt das populäre Orchester schon durch die
Wahl der Instrumente: Bouzouki, Baglama, Gitarren, Santouri und Flöte,
eine Synthese der beiden großen Strömungen des griechischen
Volksliedes dar.
Revolutionär neu für die griechische Musik ist die Verbindung
des laisch-demotischen Orchesters mit den Instrumenten des klassischen
sinfonischen Orchesters. Die Klangwirkung ist außerordentlich,
aber auch wiederum so spezifisch »griechisch«, dass man
zur Überzeugung kommt: Theodorakis hat sein Ziel der Schaffung
einer neo-hellenischen Musik mit diesem Werk erreicht.
Der Komponist hat denn auch zu Recht auf den grundsätzlichen Unterschied
zwischen früheren orchestralen oder sinfonischen Kompositionen
und »Axion Esti« hingewiesen:
»Der Unterschied besteht darin, daß ich vorher einfach versucht
habe, unsere nationale Tradition in den Rahmen der westlichen Musik
hineinzustellen, indem ich zu diesem Zweck alle technischen Mittel und
alle Formen benutzt habe, die diese uns hinterlassen hat, vom Gregorianischen
Gesang über Bach bis zu Schönberg, Strawinski, Bartók
und Schostakowitsch. Damit folgte ich nur dem Beispiel unserer nationalen
Schulen. Hingegen habe ich mit >Axion Esti< versucht, ein Klanggewand
zu nähen, das von der neo-hellenischen Musikwelt herkommt.«
Das bedingte für Theodorakis auch, dass er die Instrumente des
Sinfonieorchesters neuartig einsetzte, beispielsweise die Violinen als
kretische Lyren.
Das bedingte desweiteren, dass er, - wegen der gleichzeitigen Benutzung
von Orchester- und »Folklore«-Instrumenten, eines Kompositionsprinzipes,
das er ebenfalls im »Elektra«-Ballett anwendet
- beiden Gruppen dennoch ihre Spezifizität bewahren mußte
und die verschiedenen Klangwelten sowohl klar verdeutlichte als auch
zu einer klanglichen Einheit bringen mußte.
Das bedingte schließlich, dass er die charakteristischen Musikformen,
die in Griechenland seit Jahrhunderten bestehen, in ihrer Tradition
und aus ihrer Tradition heraus zu einer neuen Aktualität bringen
mußte. So hat er es, beispielsweise, in »Auf
Berge bin ich gegründet« verstanden, die byzantinische
und die demotische Musik miteinander zu verbinden. Die Melodie ist byzantinisch,
die instrumentale Begleitung aber ist inspiriert von den Totengesängen
(»Mirologi«) des Epirus, die in der Oper »Elektra«
wieder auftauchen, und läßt schon den »Tsamikos«
aufklingen, der dem dritten Teil seine Charakteristik
geben wird.
Es heißt auch, auf den orchestralen Beginn des Werkes hinzuweisen,
ein kurzes Stück aus zwei Tetrachordtypen über den Einsatz
verschiedener lnstrumente, die sich auf einem Dur-Klang wiederfinden.
Es ist dies für den Komponisten die musikalische Beschreibung eines
»Chaos«, das geordnet wird. Symbolisch
stellt die Beziehung dieser Klangwelt zum Chaos, Theodorakis' Abschied
von der Avantgarde-Forschung dar, vom »Chaos der zeitgenössischen
europäischen Musik«, dem er das Ergebnis einer neugriechischen
Klangwelt entgegenstellt.
D-Dur führt den Psaltis ein. Dieser Übergang hat eine klassische
Parallele: »Theodorakis sucht sie nicht bewußt, bekannte
sich jedoch im >Werkstattgespräch< (1984) dazu, daß
zwischen dieser Passage und dem Einsatz des Bariton-Solos im IV. Satz
der >Neunten Sinfonie< Beethovens eine tiefere Beziehung besteht.«
Der zweite Teil, die »Passion«, ist sehr
streng gegliedert. Hier fällt vor allem die Bedeutung des Volkssängers
auf. Er ist keine Häresie in diesem komplexen Werk von tiefer Intensität,
im Gegenteil: Das Herauswachsen der Rebetikogesänge aus der byzantinisch-demotischen
Klangwelt ist wie das der Zeit angepaßte, aktuelle Ergebnis einer
vielhundertjährigen Entwicklung, die so ihre Konsekration findet.
Der »Lobgesang« fußt auf dem »Tsamikos«,
einem neugriechischen Tanz mit typischem Dreivierteltakt. Auf dieses
Fundament setzt Theodorakis einen rein byzantinischen Melos, der in
seinem Mittelteil starke Anklänge an die Karfreitags-Totenklage
aufweist. Eine besondere Faszination geht aus von der Polyrhythmik,
die Theodorakis über das Ostinato des »Tsamikos«
setzt. Die Wirkung der Chorbesetzung, zu der ein Kinderchor hinzutritt,
ist überwältigend.
Der Komponist gestaltet zudem eine vollendete Fusion der sinfonischen
und der populären Instrumente, wobei Santouri und Schlagzeug ein
ungewöhnlich eindringliches Klangbild entstehen lassen. Kein Zuhörer
kann sich der Faszination und Intensität dieser Musik entziehen,
und sogar Puristen können nur den tiefen Eindruck bestätigen,
den sie hinterläßt.
Somit schuf Theodorakis nicht nur ein großes griechisches Musikwerk
neuerer Zeit, er schrieb gleichzeitig eine allgemeingültige Musik,
deren Botschaft von jedem verstanden werden kann.
In Griechenland wurde »Axion Esti« schnell
so populär, daß die erste Schallplattenaufnahme den Verkaufserfolg
von »Zorba« in zwei Jahren um das Fünffache
übertraf.
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in: © Guy
Wagner: »Mikis Theodorakis.
Ein Leben für Griechenland «, Ed. Phi 2000
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