Das „Lobgepriesen sei" der griechischen Musik

Zu „Axion Esti" von Mikis Theodorakis

Odysseas Elytis Odysseas Elytis

Im Frühjahr 1960 befindet sich Mikis Theodorakis in Paris, wo ihn eine Postsendung aus Griechenland erreicht: ein druckfrisches Exemplar von „Axion Esti" mit einer Widmung von Odysseas Elytis. Schon am gleichen Abend sind die ersten beiden Teile einer Komposition entworfen, die ein Meilenstein für die griechische Musik dieses Jahrhunderts werden sollte.

Freilich dauerte es noch vier Jahre bis das Werk vollendet und uraufgeführt wurde, aber die spontane Reaktion des Komponisten auf dieses Stück Literatur offenbart zumindest eine elementare Übereinstimmung zwischen den beiden Künstlern.

„Axion Esti" war in vielerlei Hinsicht ein Novum.

Zum ersten Mal wurde in der griechischen Musik solch eine moderne, komplexe Lyrik vertont, für die immerhin deren Autor 1979 den Literaturnobelpreis erhielt. Zum ersten Mal wurden in ein und demselben Werk klassische und traditionelle Instrumente verwendet. Das Sinfonieorchester neben dem populären Orchester, der klassische Bariton neben der rauhen „Nicht-Stimme" des Pop-Sängers.

Zum ersten Mal auch die Synthese von byzantinischen, demotischen, laischen und westlichen Kompositionstechniken.

Das war aber keine Spielerei, sondern folgte der literarischen Aussage und der Form des Poems von Elytis.

Der Erfolg in Griechenland war überwältigend.

Odysseas Elytis konnte sich von den Tantiemen seinen ersten Kühlschrank kaufen. Und es gab sicherlich bis zum Putsch von 1967 kaum einen Griechen, der nicht die Lieder aus „Axion Esti" singen konnte.

Es schien, als hätte Theodorakis nur auf eine dichterische Vorlage solchen Zuschnitts gewartet, um ein für ihn paradigmatisches Werk zu schaffen.

Für den Komponisten bedeutete dieses Werk die Abkehr von der westlichen zentraleuropäischen Musiktradition und seine „kompositorische Rückkehr" nach Griechenland.

Zwischen 1954 und 1959 hatte Theodorakis in der Klasse von Oliver Messiaen ein Zusatzstudium für Komposition am Pariser Konservatorium absolviert.

Bis 1959 hatte er sich ausschließlich mit der sogenannten ernsten Musik beschäftigt und war einer ihrer vielversprechenden Nachwüchsler. Seine Ballettmusiken feierten in Paris und London riesige Erfolge, seine Suiten für Orchester, seine Klavierwerke und seine 1. Sinfonie wurden in ganz Europa aufgeführt. Im Figaro wurde er als der „neue Strawinsky" gefeiert, und Benjamin Britten fand nur lobende Worte für seinen jüngeren Kollegen.

Aber Theodorakis - mit seinen Kriegs- und Bürgerkriegs-Erfahrungen aus den vierziger Jahren - fühlte sich als Fremdkörper in dieser Welt, was er in seiner Autobiographie „Die Wege des Erzengels" sehr eindringlich darlegt.

1960 komponierte er seine ersten Volkslied-Zyklen und kehrte nach Athen zurück, von Paris und der „ernsten Musik"  Abschied nehmend. „Axion Esti" war seine „Antwort" auf die sogenannte Neue Musik. Mit diesem Werk versuchte der Komponist eine neugriechische Klangwelt gleichsam aus dem Nichts zu erschaffen.

Sogar im riesigen Werk von Theodorakis, das beinah 1.000 Lieder und mehr als 100 größere Werke umfaßt, ist „Axion Esti" etwas Singuläres. Neben „Canto General" aus den siebziger und „Requiem" aus den achtziger Jahren gehört „Axion Esti" zu den eigenständigsten und markantesten Kompositionen des griechischen Komponisten.

© Asteris Kutulas




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