Zum »Canto General«
Erstmals greift er nicht auf griechische Texte oder griechische Übersetzungen von Texten (wie bei Behan und Lorca) zurück, sondern auf das Original in spanischer Sprache. Der neue Klang der Worte wird zu einem neuen Klang der Musik. Solisten, Chor und Orchester - mit einer riesigen, sehr differenzierten Schlagzeuggruppe - werden zu hymnischer Größe angeregt. Jeder der sieben Teile, die bis 1980 die Vertonung des »Canto General« darstellen, stellt auch in sich eine Einheit dar, und jede dieser Einheiten hat ihren spezifischen Charakter. So wird der Jubel über die Vielfalt der Natur (»Vienen los Pajaros«, »Vegetaciones«, »Algunas Bestias«) mit so überschäumender Begeisterung, soviel rhythmischer Kraft dargestellt, daß man sich der Verzauberung dieser Musik nicht entziehen kann. Diese Fülle der Schöpfung, der eine melodische Schöpfungsfülle entspricht, setzt Theodorakis in Gegensatz zur Armut und zum Leiden der lateinamerikanischen Völker, denen er in »Los Libertadores« eine Melodik voll Verhaltenheit, ja, Zärtlichkeit widmet. In »La United Fruit Co.« schießt der Komponist vergiftete Pfeile der Ironie und des Sarkasmus gegen die US-Multis ab, die den Kontinent in Bananenrepubliken verwandelt haben und für die der Tod des einzelnen nicht zählt, jener Tod, den Neruda und Theodorakis mit revolutionärem Pathos würdigen. In »America Insurrecta« erreicht die musikalische Kraft der Komposition ihren Höhepunkt durch einen Gesang, der die Unterdrückung ebenso erschütternd deutet wie er den Aufstand gegen die Unterdrücker leidenschaftlich feiert. Eingeschoben in den Zyklus hat Theodorakis einen Text von Neruda aus dem Jahre 1949: »Voy a vivir«. In diesem Gedicht stellt der Dichtung die Verbindung zwischen US-Unterdrückung und hausgemachter Diktatur her. Das Erschütterndste ist, daß Nerudas Worte gerade zu der Zeit, als Theodorakis sie in Musik setzt, von höchster Aktualität sind: »Ich
lasse hier die Dinge zurück, In Spanien steuert Franco auf seine Agonie und seine letzten Verbrechen zu, in Griechenland wüten die Obristen, in Chile wehrt sich die Unidad Popular verzweifelt gegen die Rechten und die USA. Der gewaltige Hymnus des »Canto General«, der die Zuhörer unmittelbar packt und mitreißt, besinnlich und nachdenklich werden läßt, ist Anfang der siebziger Jahre nicht abgeschlossen. Neruda kann nur noch Proben zu Einzelteilen des Werkes hören. Die Erstaufführung der sechs ersten Teile in kleiner Orchesterbesetzung, ohne Chor, soll in der dritten Septemberwoche in Santiago di Chile stattfinden. Am 11. September 1973 wird der demokratische Traum des chilenischen Volkes, wird die Freiheitshoffnung eines Kontinents mit dem rechtmäßigen Präsidenten Salvador Allende ermordet. Das Chile-Trauma, an dem Neruda eine Woche später stirbt, hat begonnen. 1976 fügt Theodorakis dem »Canto General« sein eigenes »Neruda Requiem Aeternam« an, auf eine ergreifend schöne Melodie, die 1977 in Athen während des Festivalas auf dem Lykabettos zur Erstaufführung kommt. Acht Jahre später, während seines freiwilligen Exils in Paris, vollendet der Komponist sein Konzept des Oratoriums. Er vertont sechs weitere Texte von Neruda selbst, deren Orchestrierung er aber erst 1981 fertigstellt: »Amor America« (1972 komponiert), »Emiliano Zapata«, »Al mio Partido«, »Sandino« und »Lautaro«. Die Gesamtkonzeption des Werkes sieht vor, daß die großen Texte des »Canto General« wie die Chöre eines Oratoriums zu betrachten sind, die kleineren Einzelgedichte wie Choräle. Die Oratorientradition bekommt so eine neue Bestimmung im Dienste einer Musik, die dem Volk gehört und allgemeinverständlich, allgemeingültig ist. Mit dem vervollständigten in dreizehn Teilen, macht er eine Welttournee. Einerseits sind es die schwedischen Chöre (»St.Jakob«), von Ingemar Rhedin koordiniert, von Stefan Sköld einstudiert, die mit ihm die meisten Städte Europas bereisen und das Werk zu einem triumphalen Erfolg führen, andrerseits sind es sowohl auf Kuba als auch in Nicaragua Chöre von mehr als tausend Sängern, die ihm zur Verfügung stehen und die Darbietungen zu ungewöhnlich intensiven Erlebnissen werden lassen. Der Erlebnischarakter des »Canto General« ist eigentlich schon in der neuen Struktur dieses Werkes vorprogrammiert. Zu den bisher bekannten Episoden, zum intensiven, leidenschaftlichen Jubel der »Schöpfungstexte« und der rhythmisch vehementen Auflehnung gegen das Schicksal, das Süd- und Lateinamerika durch die versteckte und offene Ausbeutung durch die USA erleiden, kommen verhaltenere, meditative Töne hinzu und schaffen ein besonders feinfühliges Gleichgewicht: »Die neuen Teile fügen dem Werk eine neue Dimension hinzu: das Lyrische, Verhaltene, das Zarte, das zu den ungemein vitalen Teilen wie >Einige Tiere< oder >Aufständisches Amerika< einen nicht nur formalen Kontrast bildet, sondern dem universalen Anspruch des Gesamtwerkes auch eine inhaltlich neue Ebene erschlossen hat.« (Peter Zacher) So ist der »Canto General« in der Tat ein Werk geworden, das einen universalen Anspruch in sich trägt: Seine Botschaft wird überall in der Welt verstanden, und zahlreiche neue Theodorakis-Verehrer versichern, daß sie durch dieses Werk zu seiner Musik gekommen sind. © Guy Wagner : "Mikis Theodorakis. Ein Leben für Griechenland", ed. PHI Luxembourg , 1995 Theodorakis-Interview zum Canto | Entstehung des Canto General | Biographie Neruda | Konzert-Kalender | Home Page |