"Epitaphios"

Ein Kulturkampf

von Guy Wagner




Grigoris Bithikotsis

Die "Epitaphios"-Kontroverse ist genau das Richtige für Theodorakis. Sobald nämlich eine Konfrontation in der Luft liegt, beißt er an. Er braucht die Leidenschaften zur Stimulierung für sein eigenes Engagement.

Er provoziert leidenschaftlich gerne, aber er provoziert nicht, um der Provokation willen, sondern um durch die Provokation ein Nachdenken herauszufordern, eine Umdenken anzuregen, eine Läuterung zu bewirken.

Theodorakis erkennt öffentlich die Verdienste der Aufnahme von Hadjidakis an, der mehr als laische Lieder habe machen wollen. Er verteidigt aber umso verbissener seine Auffassung, daß durch die Bouzouki und die Stimme von Bithikotsis die Gesänge in die Tradition der klephtischen Ballade und des kretischen Rizitika gestellt worden seien.


 
"Ich schreibe keine Lieder, um zu unterhalten. Es ist keine Musik die vergessen läßt. Man muß die Freude aus ihr gewinnen, daß man sich reicher, anspruchsvoller, stärker fühlt. Sie muß zum Nachdenken führen, zum Wunsch nach einem schöneren Leben, wie es die Verse und die Musik aufzeigen. Darum muß sie Wurzeln im Gedächtnis des Volkes schlagen. Die Menschen, das Blut, die Toten der Vergangenheit finden sich in ihr wieder, nicht um Haß, sondern um Liebe zu säen. Die Jugend hat dies umso schneller gespürt, als sie leidenschaftlich wünscht, die Vergangenheit zu überwinden."

Theodorakis behauptet, das Volk könne sehr wohl die Poesie von Ritsos verstehen und singen, wenn sie in seiner eigenen musikalischen Sprache vorgetragen werde. Er plädiert dafür, daß der Rembetiko Kunst sei, die aus dem Volk erwachsen ist und es dem Volk ermöglicht, seine eigentlichen Probleme zu artikulieren.

Griechenland wird durch die leidenschaftlichen Diskussionen, an denen sich Musikkritiker, Schriftsteller, Journalisten beteiligen, in zwei Lager gespalten: auf der einen Seite, die Bourgeoisie, die feine Gesellschaft, die Partei für Hadjidakis ergreift, auf der anderen, die Jugend und die Arbeiterklasse, die sich ebenso leidenschaftlich auf die Seite von Theodorakis stellen.

Die Auseinandersetzung zwischen "Hadjidakikos" und "Theodorakikos" offenbart nicht nur einen Konflikt zwischen den Generationen und den sozialen Gesellschaftsschichten, sondern ist vor allem beispielhaft für den politischen Konflikt der letzten Jahrzehnte, für den sie die Funktion eines Katalysators ausübt. Für eine Jugend, die sich ihr politisches Bewußtsein unabhängig von den staatlichen Propagandaapparaten bildet, für die unterdrückten armen Bevölkerungsschichten, deren Linksgesinnung nichts an Ehrlichkeit verloren hat, ist diese Auseinandersetzung das Ventil, ihre wahren Probleme gegenüber einem Staatsgefüge zu artikulieren, das mit Polizeigewalt und Repression aufrechterhalten wird.
 
 

© Guy Wagner. Aus: Mikis Theodorakis. Ein Leben für Griechenland. Ed.PHI Luxemburg, 1995

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