"Epitaphios"

Zur Entstehung des Werkes und zur Kontroverse

von Mikis Theodorakis





Mikis Theodorakis
und Manos Hadjidakis,
Erneuerer der griechischen Musik
"Hadjidakis war ein Autodidakt, der viel persönlichen Geschmack hatte. Er spielte Klavier auf seine ihm eigene Art, er ahmte die Bouzouki-Klänge auf dem Klavier nach und hatte gute Beziehungen in Dichterkreisen, da er Theatermusik schrieb. Er lernte sehr leicht, einfach so, weil er eigentlich nicht gerne arbeitete. Er war schon sehr ungewöhnlich. Er war ein Bohemien, stand um Mittag auf, bis sechs war er dann im Kafenion oder im Restaurant, schlief dann wieder bis Mitternacht, und von null Uhr bis sechs Uhr morgens war er im Café "Byzantion" in Kolonaki.

Er ging mit der "Dekadenz" einher, besuchte die kleinen Nachtclubs, und durch seine Dichterfreunde kam er an Patsifas, der ein Verleger von Seferis und Elytis war und eine Schallplattenproduktion namens "Fidelity" gegründet hatte. Er machte die ersten Schallplattenaufnahmen mit Musik von Hadjidakis.


Eigenartigerweise hat er sich nie mit seinen Liedern identifiziert.


Seine Meisterwerke sind Filmmusiken, aber da es eine große Nachfrage gab, schrieb er weiterhin Lieder. Er hatte Nana Mouskouri entdeckt, die seine Lieder sang, und ich glaube nicht, daß er sich seinen Erfolg überhaupt erwartet hatte.

Als ich in Paris Cacoyannis Film "Stella" sah, war ich fasziniert von der Frische der Musik von Hadjidakis, und so war es denn nur normal, daß ich mich an ihn wandte, als ich Lieder zu schreiben begann.

Ich schickte also "Epitaphios" an Hadjidakis. Ich weiß nicht, ob er sich die Zeit genommen hat, die Lieder zu studieren.

Als ich aber nach Athen zurückkehrte für die Musik zu den "Phönizierinnen", lud mich Hadjidakis, der auf dem Höhepunkt seines Ruhmes war, zu sich. Es war magisch, seine Schallplatten zu sehen, und ich fragte ihn, was er von "Epitaphios" halte, und er sagte: "Vergiß es, es ist deiner nicht würdig. Du bist zu Größerem berufen."

Ich hatte aber schon für meine Freunde "Epitaphios" auf Tonband aufgenommen, die Texte selbst gesungen und mich am Klavier begleitet, und einer von ihnen hatte das Band andern zu hören gegeben, und so hatte es schon eine Verbreitung der Lieder gegeben, von der ich keine Ahnung hatte, so daß es Hunderte von Griechen gab, die wußten, daß ich Lieder komponierte und die Firma "Columbia" mich kontaktierte. Sie sagten: "Wir wollen eine Platte mit >Epitaphios< machen."

Ich wollte eigentlich nicht und sah dann im Büro Menschen, die Schlange standen, um ausbezahlt zu werden. Ich fragte: "Ist das nicht Tsitsanis?" Es war Tsitsanis, für mich eine mythische Figur, und der wartete darauf, ausbezahlt zu werden! So war das damals in Griechenland. Man bezahlte pro Werk aus, es gab keine Tantiemen, es gab keine Autorenrechte, die habe ich später durchgesetzt, weil ich das von Frankreich her gekannt habe.

Auch Patsifas sprach mich auf eine Aufnahme an. Es war zu dem Zeitpunkt, da Boosey mich unter Vertrag nehmen wollte. Ich hatte Pläne für Konzerte, Ballettmusiken, ich sagte also nein.

Etwas später erfuhr ich, daß mein Freund Despotidis, der Petros der EPON, dem ich die "Byzantinische Hymne" der Dritten Sinfonie gewidmet habe, einen Hafturlaub von mehreren Monaten hatte, weil seine Frau ein Kind erwartete. Er traf mich und bat mich, bei Hadjidakis nachzufragen, damit er eine Bittschrift für seine Freilassung unterschriebe. "Wir sitzen nach zehn Jahren noch zu Tausenden in den Konzentrationslagern. Wenn Hadjidakis, der ein persönlicher Freund von Karamanlis ist, unterschreibt, dann haben wir eine Chance, daß eine Begnadigung erfolgt."

Wir gehen ins "Floka", wo Hadjidakis zu speisen pflegt. Manos kommt herein, parfümiert, sehr zufrieden mit sich selbst. Als er Petros sieht, stutzt er. Es war nämlich Petros gewesen, der mich ihm seinerzeit, 1944, als ich Verantwortlicher für die Kultur bei der Jugendorganisation der Patriotischen Front war, vorgestellt hatte. Wir hatten Kulturhäuser, ein Orchester, Chöre, eine Theatertruppe, und Petros war überall. Er rief die jungen Dichter - Kotsias, Kambanellis, Anagnostakis, Pergialis, Katsaros, Livaditis - und brachte sie in Verbindung mit den alten Meistern: Nikiforos Vrettakos, Rotas, Kazantzakis, Ritsos. Als einer von ihnen dann ein Stück schrieb, bat er mich um eine Szenenmusik, weil ich am Konservatorium studierte, ich aber schlug dann Hadjidakis vor, und so schrieb der seine erste Musik für eine linke Theatertruppe.

Für uns kamen dann fünf furchtbare Jahre: Petros war zum Tode verurteilt worden und hatte ein Auge verloren, und ich ... Du weißt ja.

Manos war in Athen geblieben und ein Mann von Karamanlis, der Rechten, der Macht geworden, er wurde von der Aristokratie verhätschelt.

Und nun sieht er Petros wieder, wie einen alten Freund. Als aber Petros von seinen Kameraden reden will, weigert sich Hadjidakis zu unterschreiben, da er nichts mehr damit zu tun haben will.

Petros erhebt sich und sagt: "Mikis, wir gehen!" Ich will noch eine Versöhnung herbeiführen, aber Petros geht hinaus. Draußen frage ich ihn: "Warum muß es denn unbedingt Hadjidakis sein?" - "Weil er sehr populär ist" - "Wodurch?" - "Weil er Lieder schreibt." - "Hör mal, ich schreibe auch Lieder. Ich kann so bekannt werden wie Hadjidakis, und ich unterschreibe sofort."

Wir gehen in ein anderes Kafenion, "Jonas", und ich singe ihm die Lieder aus "Epitaphios" vor. Er ist mehr und mehr davon überzeugt, doch dann fragt er: "Wie überwinden wir das Hindernis Ritsos? Ritsos ist bekannt als Kommunist. Seine Werke sind zensuriert." - "Wir werden den Versuch wagen." - "Ich sage dir, wenn sie die Erlaubnis geben, wenn wir diese Lieder aufnehmen, werden wir ganz Griechenland wie eine Fackel entzünden."

Anderntags gehe ich zu Patsifas, der sehr erfreut ist. Er schlägt Chrisafi als Sängerin vor. Sie kommt ins Studio, wir arbeiten zusammen, doch eines Abends, als sie etwas früher weggegangen ist, sagt Patsifas: "Hör mal, Mouskouri war da und hat die Proben gehört. Sie möchte die Lieder singen." - "Und Chrisafi?" - "Der geb ich was anderes."

Da wird mir bewußt, wie interessant es wäre, zwei verschiedene Fassungen zu haben, weil sowieso niemand eine Exklusivität hatte.

Ich spreche mit Patsifas, und anderntags beginne ich die Proben mit Mouskouri und sage ihr, wie ich mir den Gesang für "Epitaphios" vorstelle. Sie hat schon die vier ersten Lieder einstudiert, als sie meint, sie könne nicht ohne Erlaubnis von Hadjidakis aufnehmen. Er ist guter Laune und bereit, das Orchester dafèr zusammenzustellen: "Eine Flöte, eine, zwei Mandolinen, - er nahm nie Bouzoukis! - Kontrabaß, Gitarre, und am Klavier: Manos Hadjidakis." -Später schlägt Hadjidakis vor, daß ich den Klavierpart spiele. Proben braucht er anscheinend nicht, er ist nie pünktlich.

Eines Tages gehen Myrto und ich in Kolonaki in eine Konditorei, um ein Eis zu essen. Hadjidakis ist auch da in Gesellschaft von Gatsos, der mich anderntags anruft und mir sagt: "Deine Frau hat mich sehr durch ihre Schönheit und ihren Charakter beeindruckt. Ich werde ein Lied für sie schreiben. Er gibt mir "Myrtia". Am nächsten Tag habe ich die Musik dazu komponiert. Er ist sehr zufrieden.

Ich gebe Patsifas das Lied. Eine junge Sängerin namens Iovanna hört es und bittet, es aufzunehmen. Manos Hadjidakis nimmt es mit seinem Orchester auf, es wird sofort ein Riesenerfolg. Ganz Griechenland singt "Myrtia". Nana Mouskouri wird furchtbar böse, daß Hadjidakis und ich das Lied einer andern Sängerin gegeben hat und sagt mir unsere Zusammenarbeit sei vorbei.

Ich gehe zu "Columbia" und spiele mit Bithikotsis und Chiotis in nur zwei Tagen alle acht Lieder ein. Ich teile Patsifas mit, daß ich meinerseits auch nicht mehr mit Frau Mouskouri zusammenarbeiten will. Hadjidakis, der die vier letzten Lieder nicht richtig kennt, ist gezwungen, sie auf seine Art zu spielen, deshalb gibt es auf seiner Aufnahme einen Riesenunterschied zwischen den vier ersten und den vier letzten der "Epitaphios"-Lieder, aber er bringt es dann doch fertig, mit seiner Aufnahme zuerst auf dem Markte zu sein, und in den zeitungen taucht mein Name sehr klein, der von Mouskouri und Hadjidakis in Riesenlettern auf.

Das bringt Lambropoulous von "Columbia" in Rage, er kauft eine ganze Seite in allen Zeitungen und lanciert seine Aufnahme mit "Theodorakis", "Bithikotsis", "Epitaphios", "Chiotis", ... und so beginnt der "Epitaphios"-Streit.

Wir waren dann bei Hadjidakis zu Hause, Elytis war da, Seferis war da. Ich habe die "Columbia"-Aufnahme auf den Plattenteller gelegt, und alle begannen zu lachen, als sie die Bouzoukiklänge hörten. nur Hadjidakis’ Mutter, die aus Kleinasien war, war begeistert. Manos sagte: "Wie kannst du nur diese große, feine Dichtung so zerstören?"

Man konnte ganz einfach nicht daran glauben, daß die Bouzouki für große Dichtung gut sein, denn das Ohr war nicht darauf vorbereitet.

So wurde im "Epitaphios"-Streit der Widerspruch der griechischen Gesellschaft deutlich. Ich war überzeugt, daß man vom Volkstümlichen, im Volke Verwurzelten bis zur Sinfonie fortschreiten könne. Es war mir fast instinktiv bewußt geworden, daß die Verbindung nicht nur der Volksmelodie, aber auch der Stimme eines Volkssängers, das Volksinstrument, die Bouzouki, einerseits, und die große Dichtung von Ritsos andrerseits, eine neue Amalgamierung eingehen konnten, deren Tragweite unermeßlich sein würde.

Es war eine Revolution, eine echte Revolution, die noch heute nicht verdaut ist.

Als ich die Direktion der ERT-Orchester übernahm und aus dem Orchester für leichte Musik das Orchester für Zeitgenössische Musik machte und die Vereinigung der Genres, der sinfonischen und der populären Musik herbeiführte, kam es zu einem regelrechten Krieg.

Um wievieles heftiger mußte also notwendigerweise der Krieg dreißig Jahre zuvor sein, der ästhetische, der ideologische Krieg.

Hadjidakis, Elytis liebten die europäische Musik und Dichtung, ihre Beziehung aber zur griechischen Antike und Jetztzeit war objektiv. Sie standen darüber und nahmen sie als Rohmaterial, um daraus Persönliches zu machen, das von der Tradition inspiriert war.

Meine Haltung war, selbst ein Volksdichter und Volksmusiker zu werden und so zu einer Form zu kommen, die nicht unmittelbar von einer alten oder fremden Form herrührte.

Auch ich nahm das nationale, hellenische Material, und ich versuchte, es mit den Augen eines europäischen Komponisten zu sehen, wie dies alle nationalen Schulen taten. Ich griff auf europäische Techniken zurück, um den persönlichen und nationalen Charakter herauszuschälen. Das tat ich, beispielsweise, in der Ersten Sinfonie oder dem Klavierkonzert.

Andrerseits aber habe ich auch versucht, dem Volkshaften seinen Wert zu geben, indem ich auf sein Wesen zurückgriff und etwas anderes, sehr Persönliches daraus zu machen. Mit "Epitaphios" habe ich diesen zweiten Weg versucht, der zu "Axion Esti" und "Canto General" geführt hat.

Ich bin kein Dogmatiker, aber im Grunde genommen, was ich getan habe, war, dem Volk eine Würde, seine Würde zu geben. Ich habe ihm etwas gegeben, das es nicht hatte. Und deswegen ist mein Verfahren politisch gewesen.

Ist es nicht eigenartig? Hätte Hadjidakis für Petros unterschrieben, so wäre ich nach Paris zurückgekehrt; mein Leben hätte sich dort abgespielt, und alles wäre ganz anders gekommen." 


Gespräche mit Guy Wagner in Vrachati, vom 21. bis 23. Juli 1994

© Guy Wagner. Aus: Mikis Theodorakis. Ein Leben für Griechenland. Ed.PHI Luxemburg, 1995

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