Sonne und Zeit

Ein Gedichtzyklus von Mikis Theodorakis


 

I

Akropolis, grüß dich
Türkischer Hafen Bukarester Straße.
Der Polarstern
mit seinem Licht
zielt auf den Festpunkt der Welt.
Athen als Erste
in der Zeitalter Tiefe.
Durch ihr Glas
sehen die dich die nach Fischen tauchen.
Galeeren Autos versteckte Bordelle
die Geheimpolizei Mittelpunkt der Welt.
Der Polarstern
zieht seine Bahn.
Die Esse der Küche
mit ihrem Rauch
zielt auf den Festpunkt des Fimaments
die Plejaden Venus
Dina Sula Evi Rinio.
Fünf Millionen Lichtjahre.
Eine grade Linie
die durch fünf Millionen Milchstraßen zieht
fünf Meter
fünf Meter
fünf Meter nur
von meiner Zelle.
 

II

Die Zeit zerrinnt
im Augenblick
das Geringste wird
der größte Tyrann
eine Qual für frische Wunden
Lächeln und Versprechungen
für etwas anderes. Dieses Andere
ist was wir leben jeden Moment
im Glauben, ein anderes Leben zu führen
doch das Andere gibt es nicht.
Wir sind selbst unser Schicksal
das verstohlen uns anschaut Sphinx
die ihr Rätsel vergaß.
Uns bleibt nichts zu erraten.
Es gibt kein Rätsel
es gibt keine Flucht aus dem Kreis Feuerkreis
der Sonne und des Tods.
 

III

Sonne ich schau dir in die Augen
bis meine Augen ausgetrocknet
bis sie zu Staubkratern geworden
bis sie Mond sind oder Raum Rhythmus Regung
verlorene Sternschnuppen Äonen erloschen
verurteilt die Schreie der Menschen zu hören
den Geruch vermoderter Blumen zu atmen.
Der Mensch ist tot! Es lebe der Mensch!
 

IV

Auf der trocknen Erde meines Herzens
gedieh ein Kaktus
mehr als zwanzig Jahrhunderte schon
da ich träume von Jasmin
mein Haar duftet nach Jasmin
meine Stimme nahm etwas
von seinem feinen Aroma an
nach Jasmin riecht meine Kleidung
mein Leben nahm etwas
von seinem feinen Aroma an
böse ist der Kaktus nicht
nur weiß er es nicht und ängstigt sich
ich seh den Kaktus melancholisch an
wann vergingen schon soviel Jahrhunderte
ich werd nochmal so viele leben
die Wurzeln vordringen hören
in meines Herzens trockene Erde
 

V

Zwischen mir und der Sonne
existiert nichts weiter
als der Unterschied von Zeit
ich geh auf und vergeh
existier existier nicht
sie sehen mich
während ich mich nicht seh.
 

VI

Wenn die Zeit stehenbleibt
wird Monat um Monat
meine Zelle ausfülln
Monate Tage Stunden Momente
Zehntelsekunden
Zehntelsekunden
Zehntelsekunden
ein Schritt vor dem Chaos
ist Chaos
ein Schritt nach dem Chaos
ist Chaos
ich existier kurz davor kurz danach
im Chaos existiere ich
ich existiere nicht.
 

VII

Es atmen die Gefängniszellen
die Zellen oben
die Zellen unten
uns eint der Regen
und aufzugehn, Niko, schämt sich die Sonne
Giorgos ich halt mich
am Stengel einer Blume.
 

VIII

Die Sonne zerfleischt mich
hat keine Zähne
falsche
falsche Versprechungen geschrieben auf die Wand
weiße Farbe auf weißer Farbe
mit Schatten ohne Schatten
nur ich bleib reglos stehen
reglos im Licht und im Weiß
unverrückbar verharre ich oben
über dem Mosaik drüber schwebt
mein Denken wirbelt Richtung Erde
der Fallschirm öffnete sich nicht
die Erde jagt galoppierend auf mein Denken zu
die Sonne verdichtet sich offenbart die Leere
drei Leeren prallen aufeinander mein Denken die Erde die Sonne.
 

IX

Unten auf Erden zerstreut sich
das Gesetz des Gesetzes oh du Gesetz
das Gesetz prallt nicht mit der Leere zusammen
wenn es einen Helm trägt es raucht
Zigaretten mit Filter
es im Schlafanzug
aus Seide
es raucht nicht raucht nicht
es rauchen die Dörfer die Reisfelder Wälder
die Mütter rauchen nicht
die Soldaten rauchen bevor sie schlafen
schlafen bis zu zwei Jahrhunderten tief
ich rauche bevor ich sterbe
immer bevor ich sterbe rauch ich
Sertika-Zigaretten aus Lamia Mirodata aus Xanthi
süßer Duft kurz vor dem Ende
das Ende hat einen süßen Duft
Sertika-Zigaretten aus Lamia Mirodata aus Xanthi.
 

X

Die Zähne des Sonne sind ich
das was mich zerfleischt bin ich
ich bin das was will
das was nicht will bin ich
ich bin wenn du dich meiner entsinnst
wenn du mich vergißt bin ich
wenn ich nicht existiere bin ich
werd ich nicht existieren werd ich sein
aber du bist ich.
 

XI

Die Ägäis erhob sich sieht mich jetzt an
- Bist du's? fragt sie.
- Ja, antworte ich, ich bin's zusammen mit einem andern
kennst du ihn nicht?
- Nein, erwidert sie.
- Du kennst ihn nicht, doch dieser andre bist du.
Die Ägäis legte sich nieder
die Sonne hüstelte
ich blieb allein
ganz und gar allein.
 

XII

Nicht ganz und gar allein
dich will ich nicht
ich will dich so sehr
drum will ich dich nicht
die Platanen die kalten Wasser
Myrthe Myrthe Myrthe
ein Symbol ein Glaube Ideal
ich will dich so sehr
Zichorie staubig von Erde
Myrthe Myrthe Myrthe
drum will ich dich nicht
denn ohne dich
kann allein ich nicht sein
ganz und gar allein
sein.
 

XIII

Schießt auf die Zeit tötet die Zeit
die Zeit außerhalb des Gesetzes
ich will ihre Leiche aufbahren auf der Äolos-Straße
die Zeit wird verkauft zum Gelegenheitspreis
in Monastiraki
kauft die Zeit zum Gelegenheitspreis
sie ist frisch
wir jagten sie gestern erlegten sie gestern
gestern gestern gestern
vom Gestern zum Heute
das heißt unser Tun läßt zu wünschen übrig.
 

XIV

Du wirst nie aus dem Kreis treten können
du wirst nicht rauskommen aus dem Kreis
wirst drin bleiben
Du die Sonne die Zeit
deinen Gang regelt ein Mechanismus
nachts ziehst du ihn auf
tags läuft er ab
Verbeugung Lächeln Fluch Schrei
vom Hersteller
bereits festgelegt.
 

XV

Wer du auch sein magst
Meer Berg Frau Stier
wenn du Mensch bist
Baum Lied Steuer Tod
wenn du Mensch bist
lös die Handbremse langsam
leg den zweiten Gang gleich wenn's runtergeht ein
wer du auch sein magst
weniger wird's dich kosten
Bus LKW Citroen Dekawe
Margarita Myrthe Rose Theodorakis
wenn du Mensch bist
wird's dich weniger kosten
alte Erinnerung
alt wie heute
wie morgen
wie nie
wenn du Mensch bist
was immer du sein magst.
 

XVI

Sonne die Erste Athen die Erste
Mikis der Einmillionste.
Ihm folgen Hunderttausende
und abermals Hunderte
und weitere hunderttausend Unschuldige
und immer so weiter
bis ans Ende der Welt.
 

XVII

Nie nie nie
werd ich sämtliche Fahnen entrollen können
grüne rote gelbe blaue violette meerfarbene.
Nie nie nie
werd ich sämtliche Düfte einatmen können
grüne rote gelbe blaue violette meerfarbene.
werd ich sämtliche Herzen anrühren können
sämtliche Meere befahr'n.
Nie nie nie
werd ich dich die Einzige Ferne
Tanja kennenlernen.
 

XVIII

Als ich mich am Strand hinlegte
sprangen die Badeurlauber ins Wasser.
Als ich ins Meer ging kamen die Badeurlauber an Land.
Als ich ertrank gingen die Badeurlauber in's Haus.
Und als ich auferstand
war's schon sehr spät stiegen die Badeurlauber in' Auto.
 

XIX

Mein Idol bist du
meine Hand ist die deine
wenn ich sie balle ballt sie sich
wenn ich sie hochhebe hebt sie sich
nur dieses Gitter gehört mir
und das was sich spiegelt gehört dir
(das Gefühl von Privateigentum zu erhöh'n)
meins deins
das Gitter
aber unser
die Augen
die Lippen
und Hände.
 

XX

In den paradiesischen Gärten meines Schädels
reist eine gelbe Sonne auf den Flügeln der Zeit
es folgen Vögel mit hölzernen Flügeln
es fliegen Engel in Jets ihnen voraus
pompöse Prozession über den Bananenbäumen
Eukalyptusbäumen und Tannenbäumen die überschatten
meines Hirns linke Hälfte
meine rechte Nymphen und Himmelshuren
rote Eidechsen unter Jasmin
hören die Wasserfälle die verschwinden
in den Kloaken meines Rückenmarks
dort die Erde beginnt endet das All.
Plötzlich erstarrt die pompöse Prozession
sechs Uhr Nachmittag
genau um sechs
stoppen Prozession Sonne Zeit
nur die Vögel reisen
mit ihren Holzflügeln schlagend
und die Jets
ebenfalls engelsgleich.
 

XXI

Ich habe ein labyrinthisches Auto
ein Minotaurus-Auto zwölf Pferdestärken
suche gebrauchten Theseus zu gutem Preis
tausche japanisches Radio
gegen Ariadne wenn möglich verwitwet
noch unter vierzig Gehalt von Fünf an aufwärts
mit einem Mindestmaß an Zeit
einer Zehntelsekunde
in einer Zehntelsekunde
werd ich hinüber sein.
 

XXII

Elytis Gatsos der große Seferis
Tsarouchis Minotis Chatzidakis
Vera Dora Jenny
Kino Theater Musik
und so viele andre
die Dichter die Dichter
und so viele andre
und du du und du
der Freund der Feind der Gegner der Neider
schlaft ruhig
die Rechnung ist bezahlt
der Freund der zahlt
hat Geld.
 

XXIII

Himmlische Flüsse
Stromschnellen
unten im Erdreich tief
schießen glucksend hinab
Straße der Träume Einheit
Silva Es I El
Vau A
Filothei Chaidari
ihre Wasser blond
zwei Matratzen blond
zwei Matratzen grün
ich in der Mitte rote Zikade
Flügel harmonikagleich
Klänge aus Wasser
Eidechsen Monde
kopfüber ins Wasser und sinken ertrinken
Gitter
Gitter
Gitter
 

XXIV

Wenn du schreist
schlaf ich
wenn du schmerzt
gähn ich
wenn du erschreckst
kratze ich mich
September
sechzehnter Tag
der Schöpfung
Dionysos!
 

XXV

Im vierten Stock
schläft deine Mutter
Helena
ihre Traumbilder göttliche Musik
die Träume der Pepino di Capri
jenseits des Meers
weck sie nicht.
 

XXVI

Der Sonne Zahnradbahn
bedroht mich
das Gitter der Zeit
schützt mich
Jannis Iason
Viron Petros Alekos
hißt an den Masten
Zitronen Orangen hievt hißt
die Sandalen auf dem Sand
nackte Stimmen Nivea-Creme
Seepferdchen Patience Nescafé
teure Fahnen aus billigem Stoff
halten.
 

XXVII

Sechster September
morgens zehn Uhr
jetzt waschen sich die Vögel
in den Flüssen
an den Tannen reiben
die Nordwinde sich
des Türken Schuß traf dich
in Bisani
trinkst Kaffee
tropfst Gift
Liebe Liebe
die Sonne dörrt aus
die Traube
morgens
elf Uhr.
 

XXVIII

Suleiman der Große
Konstantin Paläologos
hört auf zu schreien.
Schmuggler Zuhälter Gauner.
Klingende Saiten.
Andreas Ilias Anthi
die Klage eines Tiers die Klage eines Menschen.
Heilige Sophia Barbarenhorde
griechisches Feuer
der Alte von Morias - ein Wurm.
Bei jedem Schritt stolpere ich.
Links Ungeheuer von Borneo
rechts die Flammen von Nagasaki
gerade vor mir Buchenwalds Öfen
hinter mir Makrijannis's Zehn
oben unten östlich westlich
Messer Speere Peitschen Horden
Horden von Heiligen Horden von Dämonen
Horden von Generalen.
Ich bin ein Löwenzahn in einen Krater gesät.
Leb wohl Sonne.
Leb wohl Licht.
Gute Nacht.
 

XXIX

Südlich des Sirius
ziehen vorbei blonde Regenschauer
halten gelbe Schirme
grüne Sonnenbrillen
tragen Miniröcke
die blonden Regenschauer des September
sie passieren den Mars
nächsten Mittwoch
treten ein in die Erdumlaufbahn
Hanoi Washington Moskau
die Sinaiwüste
Tositsastraße Athen
westlich von Chios
östlich von Korinth
drinnen draußen
Fichte tief eingeschlagen
Miniröcke
grüne Sonnenbrillen
halten gelbe Schirme
die blonden verfrühten Regenfälle
östlich von Sirius
westlich meiner Zelle
des September.
 

XXX

Wenn die Meteora Sirtaki tanzen
erkenn ich dich Heimat
wenn Acheloos durchmacht in den Tavernen
wenn das Weiße Gebirge durchs Wasser krault
wenn die Ägäis Lotto spielt
wenn Tsamikos tanzen die Rumelioten
wenn vergewaltigt die Milos vom Kretischen Meer
und wenn ich holprige Verse schreibe
dann erkenne ich dich
erkenne dich Heimat.
 

XXXI

Die neun Musen wohnen nicht weit von mir
uns trennen ein Flur
zwei Türen vier Wärter
Dora Maria Takis
Anna Tonia Russos
vielleicht kennen sie sich besser aus
mit Fakten Nummern Adressen
mit Stilrichtungen Schulen Museen
die Musen wohnen nah den Museen
die Musik wohnt nah den Museen
Musik Musen Museen
schließlich:
Mentalitäten Stile
werden geprüft
Regen Staub Sonne Lachen
ein riesiges Conservatoire
Klaviere Solfeggien Gesangsunterricht
es waschen sich die neun Musen
kämmen sich legen sich hin klopfen an
daß ihnen geöffnet werde
Pindaros Aischylos
Mozart Chopin
die Wächter führen
jeden einzeln
zur Toilette.
 

XXXII

Violette Stadt
schick deine Hand
mir übers Haar zu streichen deine Stimme schick
meine Träume zum Schweigen zu bringen
schick dein Gesicht
mich meine Größe gewahr werden lassen
meine Erhabenheit
du große Erhabene. Mehr als Ödipus
und als Andrutsos -
kein anderer
liebt dich
wie ich.
 
Übertragen von © Asteris & Ina Kutulas

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