"Mythos, Dionysos und die Gegenwart"

 

von Mikis Theodorakis

 

Kostas Karyotakis (1896-1928)



... Zum Glück gibt es noch einige wenige, die glauben, daß der Mythos die wirkliche Wirklichkeit ist, und daß ohne ihn die Menschen sich in Tausenden von Beziehungen verlieren, die sie aufsaugen, unterwerfen, gleichschalten, durcheinanderbringen, führen, LEITEN.

Natürlich ist unser alltägliches Leben eine verdammt ernste und bedeutsame Sache. So oder so geht es weiter. An sich haben wir doch mit den allgemeinen Verhältnissen als solchen genug zu tun, ob nun mit oder ohne Mythos. Jene, die über das Herrschaftswissen verfügen, wollen den Mythos, der heute in seinen letzten Zügen liegt, endgültig eliminieren. Sie wissen nämlich, daß jeder, der im Mythos, vom Mythos, für den Mythos lebt, gefährlich ist.

Man frage mich bitte nicht, ob ich mich als Dionysos sehe ... Dionysos ist, wie Makrijannis sagt - ins WIR eingegangen. Von all seinen Metamorphosen ist jene, die er in unserer Zeit durchgemacht hat, die gelungenste. Tausende von Gesichtern, Gedanken, Herzen, Atemzügen. Dionysos hat es endlich geschafft, zur Epoche zu werden. Er wurde zu einem seltsamen Kompositum von Gesichtern und Ereignissen, das letztendlich göttliche Gestalt gewann. Man konnte ihn sozusagen erkennen, wenn man einen historischen Blick hatte. Ich sehe mich also nicht als Dionysos. Ich bin aber ein Teil dieses Mythos’, der weiterhin lebendig bleibt.

Dionysos kehrt in der Oper am Beginn des zweiten Aktes nach Griechenland zurück, um in Theben an den Gräbern seiner Vorfahren zu beten. Es ist das Jahr 1850, da in Griechenland ein bayerischer König herrscht. Die Soldaten von König Otto machen Jagd auf ihn und finden ihn schließlich in einer Höhle, inmitten der wilden Berge. Aber statt ihn zu töten, wie ursprünglich beabsichtigt, nehmen sie ihn gefangen, und wollen ihn, nach einem Vorschlag der Königin Amalia, zum Minister machen, um ihn endgültig zum Schweigen zu bringen. Und während sich das noch um 1850-60 abspielt, überspringen wir ein Jahrhundert, um im Jahre 1944 anzukommen, zur Zeit der Dezemberschlacht zwischen den griechischen Partisanen und den englischen Truppen. Dionysos kämpft an der Seite der Partisanen, weiß, daß ihn keine Kugel töten, sondern nur die Pyramide einzementieren kann.

Er meint natürlich die überall herrschende Machtpyramide, deren Struktur und Funktionalität den Bürger zum Untertanen machen. Zum „stolzen Sklaven", wie in unseren Tagen der Steu-erzahler genannt wird. Die Logik der Macht um der Macht willen, der Arbeit um der Arbeit willen wandelt die Menschen in ideale Konsumenten ihrer eigenen Arbeit um, die zu einer Ware, einem Fetisch wird.

Der allgemeine Siegeszug der Warenideologie führt zwangsläufig zur Ermordung des Dionysos. Doch das Problem für die Macht besteht darin, daß Dionysos ein Gott ist. Er ist also, wie alle zeitgenössischen Helden der neugriechischen Mythologie, wie Lambrakis, Petroulas, Panagoulis, unsterblich. Darum gibt es nur eine Möglichkeit für die Macht, sich seiner aufrührerischen Anwesenheit und damit der dionysischen Geisteshaltung überhaupt zu entledigen: ihn in einen tiefen Graben werfen und einzementieren.

Aber auch dieser Möglichkeit begegnet der Gott des Weines mit Optimismus. Er vertraut darauf, daß sich alles ins Gegenteil verkehren wird. Mit diesen Gedanken nimmt Dionysos an der Dezemberschlacht von 1944 teil.

Am 10. Dezember wird er "tödlich" getroffen im Makrijannisviertel, am Fuße der Akropolis, auf der sich die Truppen von Churchill verschanzt hatten.

 

© Theodorakis. Aus dem Vorwort des Buches: "Die Metamorphosen des Dionysos"

 
Edition Romiosini, Köln. 1995, ISDN 3-929889-11-0

 

 

Die "Karyotakis"-Edition | Kommentar zu "Karyotakis" | Das "Karyotakis"-Opernprojekt | Index