"Together": Tischrede des
Bundesministers des Auswärtigen,
Dr. Klaus Kinkel
bei der Abendveranstaltung mit den Künstlern
Mikis Theodorakis und Zülfü Livaneli
am 29. April 1997 auf dem Petersberg bei Bonn

Dr.
Klaus Kinkel zwischen Zülfü Livaneli und Mikis Theodorakis (Photo:
Guy Wagner)

Lieber, sehr verehrter Herr Theodorakis,
lieber, sehr verehrter Herr Livaneli,
Exzellenzen, meine Damen und Herren!
Ich freue mich, daß Sie so zahlreich meiner Einladung zu diesem
Abend gefolgt sind.
Heute geht es um Musik, um Kultur, um Freundschaft!
Als Außenminister freue ich mich allein schon deswegen, weil ich
auch mal eine andere Musik hören kann als Nationalhymnen und Militärmärsche.
Dies ist ein besonderer Abend für mich.
Meine heutigen Ehrengäste symbolisieren etwas besonders Wichtiges
und Kostbares, nämlich Freundschaft und Verbundenheit - und zwar
gerade dann, wenn es schwierig ist.
Mikis Theodorakis und Zülfü Livaneli werden heute von einer
breiten Öffentlichkeit als Symbole für die türkisch-griechische
Annäherung gesehen.
Im Jahr 1987 haben sie eine Freundschaftsinitiative gegründet, die
sich den offenen und ehrlichen Dialog zwischen der Türkei und Griechenland
zum Ziel setzte.
Sie mußten dabei eine Menge Kritik einstecken - von allen Seiten.
Ich kenne das - in der internationalen Politik braucht man einen breiten
Buckel.
Ihr gemeinsamer Wille hat sich jedoch gelohnt: Es gibt heute sehr viele
Menschen, die hinter dieser gemeinsamen Initiative stehen.
Hinter ihnen stehen aber auch bedeutsame historische und kulturelle Gemeinsamkeiten
zwischen beiden Völkern.
Sie beide betonen dies ja in Ihrer Musik ganz besonders. Und dort kommt
es ja auch am schönsten zum Ausdruck.
Mit ihrer Musik sind Mikis Theodorakis und Zülfü Livaneli zwei
Sonderbotschafter ihrer nationalen aber auch der internationalen Kultur.
Sie sind auch hier bei uns in Deutschtand mit Ihrer Tournée tätig
im Dienste des Friedens, der Annäherung und der Völkerverständigung.
Ich unterstütze diese Friedenstournée aus vollem Herzen.
Ihr Ziel ist außerordentlich wichtig.
Und deshalb freue ich mich auch ganz besonders, daß die Botschafter
aus Griechenland, aus der Türkei und aus Zypern meiner Einladung
gefolgt sind.
Auch sie begrüße ich ganz herzlich!
Was heißt Unterstützung?
Ja, ich sage es ganz direkt: Ich möchte mich einmischen!
Mithelfen, daß das, was Mikis Theodorakis und Zülfü Livaneli
hier angestoßen haben, zu einer wirklich breiten Bewegung wird und
Griechen und Türken enger zusammenführt.
Denn ich habe Sorge, daß die Streitfragen zwischen beiden Völkern,
daß die Emotionen, die hierdurch geweckt werden, nicht nur das Klima
im Verhältnis beider Länder zueinander, sondern die politische
Entwicklung in Europa insgesamt belasten.
Ich weiß, wie schwierig und brisant die hierbei angesprochenen
Fragen sind.
Schließlich warten wir alle seit über 30 Jahren auf eine Lösung
des Zypernproblems.
Auch die anderen Fragen, ich nenne nur die Streitpunkte in der Ägäis,
sind nicht weniger kompliziert.
Aber ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, daß
es in unserer heutigen Zeit unter den Vorzeichen des neuen Europa nicht
möglich sein soll, diese Streitigkeiten gutnachbarlich und friedlich
zu lösen.
Daß man gutnachbarlich zusammenleben kann, auch wenn man türkischer
oder griechischer Herkunft ist, wird tagtäglich in unserem eigenem
Land unter Beweis gestellt.
370.000 Griechen leben in Deutschland, rund 55.000 griechische Kinder
und Jugendliche besuchen deutsche Schulen.
Ebenso sind 2,1 Millionen Türken bei uns zu Hause, 400.000 türkische
Schüler sind auf deutschen Schulen.
Wer wollte unter diesen Umständen sagen, uns ginge die Verständigung
zwischen beiden Ländern nichts an?
Beide Bevölkerungsgruppen bereichern unsere Kultur.

Ja - es ist wahr: Geschichte läßt sich nicht revidieren
Die Fakten bleiben, wie sie sind.
Das gilt aber zum Beispiel für die deutsch-französische Geschichte
ebenso wie für die gemeinsame Geschichte von Griechen und Türken.
Und es ist überhaupt nicht zu leugnen, daß diese Geschichte
schmerzliche und bittere Erfahrungen enthält.
Es ist auch selbstverständlich, daß diese Erfahrungen aus
jeweiliger nationaler Sicht unterschiedlich interpretiert werden.
Aber enthält diese gemeinsame Geschichte der Türken und der
Griechen nicht auch positive Erfahrungen und Erlebnisse?
Ist es nicht so, daß - jedenfalls für einen Dritten - in Kultur
und Lebensart der Türkei und in der Kultur Griechenlands immer wieder
verblüffende Gemeinsamkeiten aufscheinen?
Die musikalischen Gemeinsamkeiten dürfen wir heute abend genießen.
Denken Sie an die kulinarischen Genüsse, die beide Länder zu
bieten haben!
Ouzo und Raki sind gar nicht so verschieden!
Lohnt es unter diesen Umständen nicht, statt über das Trennende
nachzudenken, das Gemeinsame zu suchen?
Ich habe den Eindruck, daß diese Erkenntnis mehr und mehr Platz
greift.
Die gemeinsame Tournee unserer Freunde Theodorakis und Livaneli ist ein
Beweis dafür.
Aber auch im staatlichen Bereich, im Verhältnis der Regierungen
gibt es hoffnungsvolle Ansätze, denen wir größtmöglichen
Erfolg wünschen.
Die Zeit für Ihre Tournée, lieber Herr Theodorakis und lieber
Herr Livaneli, konnte kaum besser gewählt sein.
Auf der Mittelmeerkonferenz in Malta, bei der alle Mittelmeeranrainer
an einem Tisch saßen, kam es zwischen Türken und Griechen zu
einer bedeutenden Annäherung.
Der niederländische Außenminister van Mierlo hat dies am 16.
April in Malta zurecht als ein hochbedeutsames Ereignis bezeichnet.
Der griechische Vizeaußenminister Papandreou und sein türkischer
Kollege, Staatssekretär Öymen, verabredeten gemeinsam, einen
Mechanismus zur Behandlung und Analyse der bilateralen Streitfragen zu
schaffen.
Wie immer diese Kommission oder Kommissionen letztendlich aussehen, hier
wurde ein erster Schritt zur Überbrückung einer tiefen Kluft
getan.
Wenigstens die Diplomaten sind damit aus den Schützengräben
herausgekommen, haben die Lautsprecher abgestellt, und machen sich an
die Arbeit.
Ich weiß, daß diese Arbeit hart ist, aber ich darf Ihnen
versichern, daß wir Sie mit der allergrößten Sympathie
begleiten und alles in unseren Kräften Stehende tun werden, damit
Sie erfolgreich sind.
Den Erfolg wird Ihnen ganz Europa danken.
Auf griechisch heißt Hafen "Limani", auf türkisch "Liman"
- sehen wir nicht auch hier Gemeinsamkeit?
In beiden Ländern gibt es erfahrene Fahrensleute.
Mein Wunsch ist: Mögen sie ihr jeweiliges Staatsschiff doch in den
gemeinsamen Hafen der Freundschaft steuern!
Trotz stürmischer See: bei richtigem Kurs und hohen Wellen kann
dies nur gelingen!
Darauf möchte ich mein Glas erheben und Ihnen für diesen Abend
gute Unterhaltung wünschen.

Together - Die Tournee
| Erklärung von Mikis Theodorakis zur Tournee
| Grußwort von Oscar Lafontaine | Erklärung
von Cem Özdemir | Erklärung der "Initiative
für Türkisch-Griechische-Freundschaft" | Together
- Kommentar | Livaneli : Porträt |
Beitrag: "Clash of Civilisations" (D) | Index
der Theodorakis Homepage
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