Lianotragouda
- 18 Lieder der bitteren Heimat
Gedichtszyklus
von Yannis Ritsos * Von Guy Wagner
1973 macht
sich Theodorakis aus seinem Pariser Exil wieder auf den Weg, um mit seiner
Musik den Kampf gegen das Obristenregime weiterzuführen. Seine Musik
aber hat neue Akzente bekommen.
Dem hymnischen
Triumph des »Marsches des Geistes« stellt
er nun die Tragik der »bitteren Heimat« gegenüber.
»Lianotragouda«
ist ein Zyklus von achtzehn »Vierzeilern«, die Yannis
Ritsos alle, bis auf zwei, an einem einzigen Tag, am 16. September 1968
im Gefangenenlager von Partheni auf der KZ-Insel Leros geschrieben hatte
und die dazu bestimmt waren, von Mikis Theodorakis in Musik gesetzt zu
werden. Wegen ihrer Einfachheit wollte der Dichter sie nicht veröffentlicht
sehen, sondern nur gesungen wissen.
Später hat er sie, wieder an einem Tage, am 29. November 1969 in
Karlovassi auf der Insel Samos, vervollständigt und überarbeitet.
Dort enstanden auch die beiden letzten an Ritsos' 61. Geburtstag, dem
1. Mai 1970.
Zum Zeitpunkt der Entstehung der Lieder war der Komponist mit seiner Familie
nach Zatouna deportiert worden, und erst
über zahlreiche Umwege konnten die Gedichte Mikis heimlich zugestellt
werden.
1973 wurden sie dann im Royal Albert Hall uraufgeführt, und es erwies
sich, dass die Musik absolut den Texten entspricht, die von einer solchen
sprachlichen Reinheit und Durchsichtigkeit sind, dass jedes Wort trifft
und Wunden bloßlegt.
Sie zeigen zuerst einmal die Verwundbarkeit des Dichters auf, der aber
aus den Schmerzen, die man ihm zufügte, die Kraft schöpft, sein
»Griechentum« (Romiossini) zu durchleiden und, aus
dem Leiden heraus, den Sieg über die Leidbringer zu erringen:
»Beweine nicht die Griechen, wenn du sie siehst gebeugt
Beweine nicht das Griechentum, wenn es niederkniet
Es hat ein Messer im Rücken, den Strick um den Hals
Beweine nicht das Griechentum
Sieh, es springt auf; sieh, es springt auf
Faßt Mut und grollt
Und trifft die Bestie mit der Harpune der Sonne« (Ti Romiossini
min tin kles)
Die Musik von Theodorakis ist von kongenialer Einfachheit und gleichzeitig
einem unglaublichen Variationsreichtum. Aus der Fülle der griechischen
Musik, der byzantinischen, der demotischen und der laischen, erwachsen
achtzehn Gesänge von ergreifender Intensität.
Die Mischung der Genres umfaßt die gesamte Spannweite der griechischen
Volkstradition. Das »Mirologi« aus Epirus steht neben Anklängen
an byzantinische Gesänge (»Sylliturgo«), die
alten 7/8 und 9/8 Rhythmen (»Ligna Koritsia« - »To
Nero«) begegnen dem »sehr langsam, wie Tropfen«
von »O Tamenos« und dem Tafellied, das die Tradition
der Klephten aufgreift: »Ti Romiossini min tin kles«.
So erhalten die Gedichtstexte eine neue Authentizität. Sie sind den
Wurzeln des Griechentums entwachsen und führen zu ihnen zurück.
Es ist daher auch nicht verwunderlich, daß die Griechen das mehrmals
wiederholte marschrhythmische Finale spontan aufgriffen, um damit den
Freiheitsgeist apotheotisch zu besingen.
Gedichtstexte "Lieder der bitteren Heimat"
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