18 Lieder der bitteren Heimat

Yannis Ritsos


1. DIE NEUTAUFE

Armselige Worte, getauft in Bitternis und Not,
bekommen Flügel, und sie liegen - werden Vögel, und sie singen,

Doch jenes Wort, das heimliche - der Freiheit Wort,
bekommt statt Flügel Schwerter und durchstößt die Lüfte.


2. GESPRÄCH MIT EINER BLUME

- Bergveilchen du, Bergveilchen du, in deiner Felsenritze,
wo fandst zum Blühen Farben du, wo einen Stiel zum Schwanken?

- Hier in dem Felsen suchte ich das Blut, Tropfen um Tropfen,
ein rosa Tüchlein strickte ich und sammle damit Sonnenlicht.

3. VERHARREN

So im Verharren zogen sich die Nächte hin,
das Lied trieb Wurzel, wuchs zum Baum.

Gefangen sind die einen, die andern in der Fremde,
und bitter stößt es ihnen auf, das "Ach", und wird zum Pappelzweig.


4. VOLK

Ein kleines Volk, das ohne Waffen kämpft und Kugeln,
uns Brot von aller Welt, ums Licht und um das Lied.

Unter der Zunge presst es die Seufzer und das Glück,
wenn es ihr Singen anstimmt, dann brechen auf die Steine.


5. GEDENKEN

Der Großvater im einen Eck, im andern seine zehn Enkel,
neun Kerzen auf dem Tisch, in den Laib Brot gesteckt.

Mütter raufen sich die Haare, die Kinder schweigen,
und durch die Scheibe blickt die Freiheit, trauernd.


6. MORGENRÖTE

Wie sonnenfroh, wie überfroh des Frühlings Morgenröte!
Wo aber hätte Augen sie, dass sie dich säh’ und grüßte?

Zwei Kohlen in dem Weihrauchfass, zwei Körnchen Weihrauch auch,
und an der Tür zur Heimat aus Asche dort ein Kreuz.


7. NICHT GENUG

Bescheiden und in Schweigsamkeit betrachtet er am Boden
den Schatten eines kleinen Vogels, ahnt seine Höhe.

Soll er es sagen? - Was nützt's? Nicht mal der Fluch genügt.
Ach, an dem Wildbaum hängend, en traurig "Nelkenblatt"!


8. GRÜNER TAG

Ein grüner Tag im Sonnenlicht, ein guter Hang voll Saaten,
Glöckchen und Blöken, Myrten und Mohn -

Das Mädchen, das die Mitgift strickt, der Junge flicht ein Körbchen,
und Zicklein unten an dem Strand, sie weiden sich am weißen Salz.


9. MITEIFER

Unter den Pappeln hat eine Schar von Vögeln und Burschen
mit ihrer Feier begonnen, zum Ersten Mai -

Die Blätter schimmern als Kerzen am Fest der Heimat,
ein Adler trägt von oben her das Evangelium vor.


10. DAS WASSER

Das bisschen Wasser aus dem Fels, geweiht durch Stille,
am Unterschlupf des Vögelchens, im Oleanderschatten -

Verstohlen trinkt die Freiheitsschar, reckt ihren Hals empor,
wie Sperlinge, zum Lob der armen Mutter Griechenland.


11. BERGVEILCHEN

Ein kleines rosa Vögelein, schwebend an einem Faden,
mit seinen krausen Federchen wiegt sich im Sonnenschein -

Blickst du es einmal an, dann lächelt es,
und blickst du's zwei- und dreimal an, beginnt es mit dem Lied.


12. SCHLANKE MÄDCHEN

Schlanke Mädchen an dem Strand, sie suchen Salz,
so tief gebückt, betrübt - sie sehen nicht das Meer.

Ein Segeltuch, ein weißes Tuch, winkt ihnen zu vom Blau,
doch weil ihr Blick nicht dorthin geht, umdunkelt sich's vor Leid.


13. DAS WEISSE KIRCHLEIN

Das weiße Kirchlein an dem Hang, der Sonne gegenüber,
strahlt auf mit seinem alten, schmalen Fenster -

Und ihre Glocke in der Höh', schwebend in der Platane,
lässt sie die ganze Nacht erklingen, zum Fest des hl. Volkes.


14. INSCHRIFT

Der junge Held, der fiel, mit hoch erhobnem Haupte,
ihn deckt die raue Erde nicht, der Wurm rührt ihn nicht an -

Das Kreuz auf seinem Rücken wird zum Flügel, er hebt sich in die Höhe,
vereint sich mit den Adlern oben und jenen goldnen Engeln.


15. HIER IST DAS LICHT

An diesem Marmorstein, da nagt kein böser Rost,
den Griechen keine Kette jocht; den Wind kein Tritt.

Hier ist das Lieht, das Meer ist hier - mit golden blauen Zungen,
und an den Felsen Hirsche hau'n, zerreiben ihre Fesseln.


16. DER BAU

Wie ist dies Haus zu bau'n, wer setzt die Türen ein,
da doch der Hände wenig sind; und überschwer die Steine?

Sei still! Die Hände stärken sich, sie wachsen mit der Arbeit,
und denk daran, dass nachts uns unsre Toten helfen!


17. VERSPROCHEN

Hier sind die Vögel stumm, die Glocken schweigen,
und auch der bittre Grieche schweigt, im Bund mit seinen Toten.

Doch an dem Stein der Stille schärft er die Nägel sich,
allein und ohne Hilfe, der Freiheit versprochen.


18. BEWEINE NICHT DAS GRIECHENTUM!

Beweine nicht das Griechentum - wie es gebeugt da geht,
das Messer in den Rippen; um den Hals den Strick -

Seht hin, da springt es wieder hoch, ermannt sich und bäumt sich auf -
Seht hin, es jagt die Bestie fort mit seinen Sonnenpfeilen!


aus: Liedertexte Mikis Theodorakis: Das Griechentum. Keine Angaben über die Übersetzungen und die Edition



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