Wenn
Maria singt
von
Ina Kutulas

Maria
Farantouri & Mikis Theodorakis,
Athen 99 (Photo: Guy Wagner) |
Dem
Leben der Blüten ähnelt das der Stimmen. Unterschiedlich
lang bereiten die Blüten sich vor, aus einem Zweig, einem
Stengel in ihre Knospenhülle zu schlüpfen, dort noch
einmal Kräfte zu sammeln, um schließlich ihr Auge
aufzuschlagen, ihr farbiges Blut mit dem des Lichts zu tauschen.
Die Energie, das "Blut" einer Stimme ist wie das einer Blüte
abhängig von der Erde, die sie hervorbringt. Von verschiedensten
Substanzen ernährt sie sich, die ihr zu Strahlkraft verhelfen.
Und wie bei einer Blume, so spielt es auch bei einer Stimme
keine unwesentliche Rolle, welcher Mensch sich ihrer annimmt,
sie aufzieht und pflegt. Blüten sind irdische Sterne und
manche Stimmen wie Nektar.
Bei
aller Unbescheidenheit folgender Worte mag im Fall von Maria
Farantouri tatsächlich zutreffen, was ein Athener Freund
und passionierter Imker einmal sagte: "Nirgendwo in Europa findest
du so einen Honig wie bei uns, denn in Griechenland gibt es
eine Vielfalt an Wildblumen wie sonst nirgends."
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Wenn
Maria singt, mag man für einen langen Augenblick alle anderen Stimmen
vergessen. Dann erlebt man jene Momente, da man sich nur auf eins konzentriert,
wie es kaum anders möglich ist, widerfährt einem etwas Einmaliges.
Wenn Maria singt, wird man sich nach Griechenland versetzt fühlen,
an den Anfang einer anderen Welt, auf die rote Erde, wo das Holz der
Feigenbäume seinen süßen Atem verströmt. Als wüßten
dort selbst die Bäume, daß Liebe eine Frage der Chemie ist,
die stimmen muß, damit zwei zueinander finden.
Als 16jährige Sängerin wurde Maria Farantouri von Mikis Theodorakis
für seine Musik entdeckt, und seitdem sind die Sängerin und
der Komponist durch viele gemeinsame Produktionen in ihrem künstlerischen
Schaffensprozeß miteinander verbunden.
Mit dem Beginn der griechischen Militärherrschaft 1967 verließ
die Künstlerin Griechenland demonstrativ, sie ging nach Paris und
reiste von dort aus um die Erde, um auf das Schicksal ihres Heimatlandes
aufmerksam zu machen und zugleich ein Zeichen des Protests zu setzen.
Seit jener Zeit ist sie einem zahlreichen Publikum bekannt, vor allem
wegen der großen Anziehungskraft ihrer Stimme, durch die sich
ein sehr lebendiger und warmherziger Kontakt zwischen der Künstlerin
und ihren Hörern über die vielen Jahre hinweg erhalten hat.
Maria Farantouris gesellschaftliches Engagement endete nicht mit dem
Fall der Junta 1973. Von 1990 bis 1993 war sie Abgeordnete der PASOK-Partei
unter Andreas Papandreou. Und auch heute setzt sie sich intensiv mit
dem politischen Geschehen in Griechenland auseinander.
Nach der Geburt ihres Sohnes wurde es um die Sängerin etwas stiller,
bis sie aus eigenem Antrieb heraus zu ihrer musikalischen Passion zurückfand.
Die unermüdliche Arbeit an sich selbst ließ ihre Stimme erneut
aufblühen und jene frühere Qualität zurückerlangen,
als habe zwischen zwei Tagen eben nur eine Nacht gelegen. Und hört
man Plattenaufnahmen aus den "alten Zeiten", dann klingt Marias Stimme
heute anders schön, vielleicht reifer.
Der Neubeginn, der ihr vor fünf Jahren gelang, war für Maria
Farantouri zugleich ein künstlerisches Moment, auf die Veränderungen
der Zeit zu reagieren.
Basierend auf musikalischem Material von Mikis Theodorakis, nahm die
Sängerin neue unbekannte Lieder in ihr Repertoire auf, deren Melodien
Theodorakis auf Texte des modernen griechischen Lyrikers Dionissis Karantzas
geschrieben hatte. Die POETICA-CD, aufgenommen 1996, war die erfolgreiche
Vorgängerin von ASMATA, die dieses Jahr im Juni erschien und großen
Zuspruch erhielt. Auf dieser CD finden sich Lieder, die den lyrischen
Faden der POETICA-CD aufnehmen und weiterführen.
Eines der interessantesten neueren Projekte, bei denen die Künstlerin
mitwirkt, wird ein Konzert mit dem Titel “Sonne und Zeit” sein, das
Ende November 1998 in Berlin stattfindet. Zusammen mit dem Berliner
Künstler Rainer Kirchmann bringt Maria Farantouri dann den 1967
von Mikis Theodorakis getexteten und vertonten Zyklus zu Gehör,
den Rainer Kirchmann neu bearbeitete. Bereits bei den Proben wurde deutlich,
daß dem Publikum ein äußerst spannender Abend bevorsteht.
Neben Impulsen, die von Mikis Theodorakis ausgehen, hat sich Maria Farantouri
inzwischen auch selbst auf die Suche nach Liedern begeben, die ihrer
Intention entsprechen und durch die sie sich singend verwirklichen möchte.
Das erste "Kind" dieses Prozesses ist die ebenfalls in diesem Jahr erschienene
CD mit dem Titel SERENATES.
Eine umfangreiche Auswahl von ASMATA-Liedern und der SERENATES stellt
Maria Farantouri in ihrem Programm vor, mit dem sie bereits in Berlin
und Epidaurus zu erleben war. In Griechenland mit großer Sympathie
und viel Beifall aufgenommen, was bei dem kritischen Publikum durchaus
nicht selbstverständlich war, war es der Künstlerin bereits
in Deutschland gelungen, auch die nicht griechisch-sprechenden Besucher
ihres Konzerts zu begeistern und das Flair ihres Heimatlandes, Charme,
Gefühlstiefe und Humor von der Bühne ausstrahlen zu lassen.
Maria ist ein erdverbundener Stern, und wenn sie singt, atmet man das
Aroma der Blüten eines ganzen griechischen Jahres.
©
Ina Kutulas, 1998
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