Ein Mann, ein Komponist, ein Werk

von Guy Wagner
 

Photo Francis van Maele (Ed. PHI)

 

Während der Besatzung Griechenlands durch die deutschen, italienischen und bulgarischen Truppen von 1941 bis 1944, schloß sich der junge Mikis dem Widerstand an. Mit 18 Jahren wurde er erstmals gefoltert. Zu diesem Zeitpunkt kam er auch in Kontakt mit Marxisten und Kommunisten, die sein Weltbild entscheidend prägten.

Daß er sich nach dem Rückzug der Besatzungssoldaten gegen die Neubesetzung seines Landes durch die Engländer wehrte und sich den Linken während des Bürgerkrieges anschloß, war nur selbstverständlich. Mehrfach verhaftet, auf die Greuelinseln Ikaria und Makronissos verbannt, wurde Theodorakis grauenhaft gefoltert und war mehrmals dem Tode nahe. Sein Vater Yorgos Theodorakis verkaufte seinen Besitz auf Kreta, um seinem Sohn zu Hilfe zu kommen. Auf Kreta erfolgte für Theodorakis eine langsame Genesung. Später konnte er in Athen unter Philoktitis Economidis und in Paris unter Eugène Bigot und Olivier Messiaen sein Musikstudium weiterführen und mit Auszeichnung abschließen.

 

Der Erfolg stellte sich frühzeitig für den jungen Komponisten ein. Seine Sonatine für Klavier wurde 1955 aufgeführt, seine Suite Nr.1 für Klavier und Orchester 1957 bekam in Moskau eine Goldmedaille. Seine erste Sinfonie wurde zum Ausdruck seines wichtigsten Anliegens: der Versöhnung der Griechen und der Ausheilung der Wunden des Bürgerkrieges. Das Werk ist zwei Freunden, die in gegnerischen Lagern kämpften und beide umkamen, gewidmet. Ballettmusiken: "Griechischer Karneval", "Les Amants de Téruel", "Antigone", wurden erfolgreich in Rom, Paris, London aufgeführt. Mit Filmmusiken wurde Theodorakis einem breiten Publikum bekannt.

Wichtigste Werke bis 1960:

Trio für Klavier, Violine und Violoncello; Das Fest von Assi-Gonia (symphonischer Satz); Symphonie Nr.1 ("Proti Simfonia"); Griechischer Karneval (Ballett); Sonatine für Klavier; Suiten Nr.1, 2 und 3 für Orchester; Sonatinen Nr.1 und 2 für Violine und Klavier; Antigone (Ballett); "Leben und Tod" (für Stimme und Streicher); "Die Liebenden von Teruel" (Ballett); Oedipus Tyrannos (für Streicher), Klavierkonzert.


II.

Gerade zu diesem Zeitpunkt aber, als er auf der internationalen Musikszene Fuß zu fassen begann, machte Theodorakis eine Kehrtwendung und ging zu den Wurzeln der griechischen Musik zurück. In Griechenland war nämlich ein Streit um die Bedeutung und Zukunft der Volksmusik ausgebrochen. Diese beruht hauptsächlich auf zwei Grundlagen, der demotischen und der rembetischen Musik. Die demotische Musik ist die Volkskunst der einzelnen Regionen und Volksstämme, der Rembetiko ist Ausdruck der Stadtbevölkerung, der Flüchtlinge, der Außenseiter. Manos Hadjidakis hatte ihr erstmals Geltung mit der Filmmusik zu "Sonntags nie" verschafft. Theodorakis griff in den Kulturkampf in Griechenland ein, der zum Ausdruck des politischen Gegensatzes zwischen Linken und Rechten wurde. Er wurde rasch zur Leitfigur einer Erneuerung Griechenlands, besonders nach der Ermordung des Abgeordneten Grigoris Lambrakis ("Z"). 1964 wurde Theodorakis als Vorsitzender der Lambrakis-Jugend ins griechische Parlament gewählt.

Wichtigste Werke dieser Epoche:  

  1. Liederzyklen: "Archipelagos", "Politia A & B", "Epiphania" (Yorgos Seferis, Nobelpreis 1963), "Mauthausen" (Yakovos Kabanellis), "Romiossini" (Yannis Ritsos).
  2. Bühnenmusik: "The Hostage" (Die Geisel, Brendan Behan); "Ballade des toten Bruders" (Theodorakis); "Maghiki Poli"; "I Gitonia ton Angelon" (Viertel der Engel, Kabanellis).
  3. Filmmusik: "Zorba the Greek" (Michalis Cacoyannis)
  4. Oratorios: "Axion Esti" (Odysseas Elytis, Nobelpreis 1979).

III.

Am 21. April 1967 kam es zum Putsch der Obristen. Vier Monate kämpfte Theodorakis als Gründer der Patriotischen Front im Untergrund gegen die Junta. Im August wurde er verhaftet, gefoltert, ins Bergdorf Zatouna verbannt, später ins Konzentrationslager Oropos überführt, wo die Tuberkulose ihn an den Rand des Todes brachte. Eine internationale Solidaritätsbewegung, geleitet von so bedeutenden Künstlern wie Dmitri Schostakovitsch, Leonard Bernstein, Arthur Miller und Harry Belafonte setzte sich für seine Freilassung ein.

Wichtigste Werke unter der Diktatur:  

  1. Liederzyklen: "O Ilios ke o Chronos" (Die Sonne und die Zeit, Theodorakis); "Ta Laïka"; Arcadies I-X; Lieder für Andreas (Theodorakis); "Nichta Thanatou" (Nächte des Todes, M. Elefteriou).
  2. Oratorien: "Ephiphania Averoff" (Seferis), "Belagerungszustand" (Marina=Rena Hadjidakis), "Der Marsch des Geistes" (Angelos Sikelianos), "Raven" (Seferis, d'après E.A.Poe).
  3. Filmmusik: "Z" (Costa Gavras).

IV.

1970 ins Exil geschickt, nahm Theodorakis von Paris aus durch Konzertreisen mit seiner Volksmusik den Kampf gegen die Obristen wieder auf. Ihm ging es darum, die Widerstandskräfte zu einen. Er machte deshalb weltweite Tourneen, während denen er sich unermüdlich für die Wiederherstellung der Demokratie in Griechenland einsetzte. Dadurch wurde er überall zum hochgeachteten Symbol des Widerstandes gegen jede Diktatur.

Wichtigste Werke des Exils:  

  1. Liedzyklen: "Lianotragouda" (18 kleine Lieder der bitteren Heimat, Yannis Ritsos); "Balladen" (M. Anagnostakis).
  2. Oratorium: "Canto General" (Pablo Neruda).
  3. Filmmusik: "The Trojan Women" (M. Cacoyannis); "Etat de Siège" (Costa-Gavras);"Serpico" (S. Lumet).

V.

1974, nach dem Sturz der Diktatur, wurde Mikis Theodorakis bei seiner Rückkehr nach Griechenland wie ein Volksheld gefeiert, doch bald gewann das gewöhnliche politische Leben mit seinen Intrigen wieder die Oberhand. Der Komponist schwankte während Jahren zwischen Resignation und immer neuem Engagement, zwischen Einsatz im Parlament und freiwilligem Rückzug ins innere Exil nach Paris, Ende der siebziger Jahre. Dort nahm er die Arbeit an seinem sinfonischen Schaffen nach zwanzig Jahren wieder auf, schrieb frühere Werke um und gestaltete neue. Er verwirklichte Sinfonien, Kantaten, Kirchenmusikwerke im Geiste der griechisch-orthodoxen Musik, komponierte neue Oratorien und wagte sich schließlich erfolgreich an die Gattung der Oper heran.

Inzwischen hatte er, nach dem von Korruption gezeichneten Ende der Ära Papandreou, für eine Erneuerung Griechenlands durch die Mitsotakis und seine konservative Partei geworben. Von diesem wurde er als Unabhängiger Linker zum Staatsminister ohne Geschäftsbereich ernannt. In dieser Eigenschaft setzte sich Theodorakis von 1990 bis 1992 insbesondere für eine Erneuerung des Erziehungswesens und der Kultur, sowie gemeinsam mit dem berühmten türkischen Musiker und Sänger Zülfü Livaneli, für eine Aussöhnung zwischen Griechen und Türken ein, was ihm neue Feindschaften einbrachte. Danach hatte er für zwei weitere Jahre das Amt eines Generalmusikdirektors des Symphonie-Orchesters und Chores des Hellenischen Rundfunks und Fernsehens übernommen. Jetzt arbeitet er nur noch als Komponist, ist aber ein gefragter Mann als Dirigient seiner unzähligen Kompositionen.Nach dem Tode seines Brudes Yannis und akuter Atembeschwerden, mußte der Komponist mehrere Monate land mit schweren Depressionen kämpfen. Erst im Winter 1997/98 besserte sich sein Gesundheitszustand wieder derart, daß er seine Aktivitäten als Dirigent und Komponist erneut aufnehmen konnte. Inzwischen hat er seine sämtlichen Archive der Lilian Voudouri-Stiftung des Megaron in Athen vermacht.

Wichtigste Werke nach 1974:  

  1. Liedzyklen: "Ta Lyrika", "Dionysos", "Phaedra", "Beatrice auf der Straße Null", "Mia Thalasssa (Ein Meer voll Musik)", "Os archeos Anemos (Wie ein alter Wind)".
  2. Bühnenmusik: "Orestia" (Insz.: Spyros Evangelatos); "Antigone" (Insz.: M. Volanakis); "Midea" (Insz.: Spyros Evangelatos)
  3. Filmmusik: "Iphigenia" (M. Cacoyannis), "Der Mann mit der Nelke" (N. Tzimas).
  4. Oratorien: "Missa Greca", "Liturgia 2", "Requiem".
  5. Symphonische Werke und Kantaten: Symphonien Nr.2, 3, 4, 7, "Sadduzäer-Passion ", "Canto Olympico", Konzert für Violoncello und Orchester (1997).
  6. Opern: "Kostas Karyotakis", "Medea", "Elektra", "Antigone", "Lysistrati".

Das musikalische Schaffen von Mikis Theodorakis (Zusammenfassung)

Theodorakis hat über tausend Lieder geschrieben, darunter eine große Anzahl von Zyklen, die heute zum Volksgut Griechenlands zählen: "Epitaphios", "Archipelagos", "Politia, A-D", "Epiphania", "Die Geisel", "Kleine Zykladen", "Mauthausen", "Romiossini (Griechentum)", "Die Sonne und die Zeit", "Mythologie", "Ta Lyrika", "Lieder der bitteren Heimat", "Die Viertel der Welt", "Dionysos", "Phaedra", "Wie ein antiker Wind", "Ein Meer voll Musik", "Lyrikotera", "Lyrikotata"...

Symphonische Musik:

1953: Symphonie Nr.1 ("Proti Simfonia"); 1981: Symphonie Nr. 2 ("Das Lied von der Erde"; Text: Mikis Theodorakis) für Kinderchor, konzertantes Klavier und Orchester); 1981: Symphonie Nr. 3 (Texte: D. Solomos; K. Kavafis; byzantinische Hymnen) für Sopran, Chor und Orchester; 1983: Symphonie Nr. 7 ("Frühlings-Symphonie"; Texte: Yannis Ritsos; Yorgos Kulukis) für 4 Solisten, Chor und Orchester; 1986-87: Symphonie Nr. 4 ("Der Chöre") für Sopran, Mezzo, Rezitant, Chor und Symphonieorchester ohne Streicher), 3 Suiten, ein Klavierkonzert (1958), Kammermusik. Rhapsodie für Gitarre und Orchester (1996), Rhapsodie für Cello und Orchester (1997).

Kantaten und Oratorien:

1960: "Axion Esti" (Text: Odysseas Elytis); 1967: "Epiphania Averoff" (Text: G. Seferis); 1969: "Der Marsch des Geistes" (Text: Angelos Sikelianos); "Belagerungszustand" (Text: Rena Hadjidakis); 1971-82: "Canto General" (Text: Pablo Neruda); 1981-82: "Kata Saddukaion Pathi" (Sadduzäer-Passion; Text: Michalis Katsaros) für Tenor, Bariton, Baß, Chor und Orchester; 1982: Liturgie Nr.2 ("Den Kindern, in Kriegen getötet") Texte: Tassos Livaditis, Mikis Theodorakis) für Chor a cappella; 1982-83: "Lorca" für Stimme, Sologitarre, Chor und Orchester (auf der Grundlage des "Romancero Gitan"); 1992: "Canto Olympico", Auftragswerk für die Olympischen Spiele in Barcelona.

Ballette:

1953: "Greek Carnival", 1958: "Le Feu aux Poudres"; 1958: "Les Amants de Téruel"; 1959: "Antigone"; 1963: "Elektra", 1985: "Sept Danses Grecques" (Chor.: Maurice Béjart), 1987-88: "Zorba".

Opern:

1984-85: "Kostas Karyotakis"; 1988-90: "Medea"; 1992-93: "Elektra"; 1995-97: "Antigone"; 1999-2001: "Lysistrati"

Musik für die Bühne:

Klassische Tragödien:

1979 "Ippies" (Aristophanes); 1986-88: "Orestie": "Agamemnon" - "Choephoren" - "Eumeniden" (Aeschylus); 1987: "Hekabe" (Euripides); 1990: "Antigone" (Sophocles); 1992: "Promithefs Desmotis" (Aeschylus); 2001: "Midea" (Euripides); 1960-61/1992: "To Tragoudi Tou Nekrou Adelfou" (Ballade vom Toten Bruder), Musikalische Tragödie (Text: Mikis Theodorakis).

Modernes Theater:

1961-62: "Omorphi Poli" (Schöne Stadt), Revue (Bost, Christodoulou, Christofelis e.a.); 1963: "I Gitonia ton Angelon" (The Quarter of Angels), Musical (Iakovos Kambanellis); 1963: "Magiki Poli" (Verzauberte Stadt), Revue (Theodorakis, Pergialis, Katsaros); 1971: "Antigoni stin Filaki" (Antigone im Gefängnis), Drama (Yannis Ritsos); 1974: "Prodomenos Laos" (Verratenes Volk), Musik für das Theater (Vangelis Goufas); 1975: "Echtros Laos" (Feindliches Volk), Drama (Iakovos Kambanellis); 1975: " Christophorus Kolumbus", Drama (Nikos Kazantzakis); 1976: "Kapodistrias", Drama (Nikos Kazantzakis); 1977: "O Allos Alexandros" (Der andere Alexander), Drama (Margarita Limberaki); 1979: "Papflessas", Spiel, (Spiros Melas).

Internationales Theater:

1961: "Enas Omiros" (Die Geisel), Drama (Brendan Behan); 1975: "Das Sauspiel", Tragikomödie (Martin Walser); 1978: "Polites B' Katigorias" (Bürger zweiter Klasse), Drama (Brian Friel); 1979: "Caligula", Drama (Albert Camus); 1980: "Perikles", Tragödie, (William Shakespeare); 1994: "Macbeth", Tragödie, (William Shakespeare).

Filmmusiken

"Ill Met by Moonlight" (1960), "Honeymoon" (1960), "The Shadow of the Cat" (1961), "Five Miles to Midnight" (1961), "Elektra" (1962), "Phaedra" (1962), "Les Amants de Téruel" (1964), "Zorba the Greek" (1964); "Z" (1969), "Stage of Siege" (1972), "Serpico" (1973), "Iphigenia" (1977/78) und "Der Mann mit der Nelke" (1980).

© Guy Wagner. Werkverzeichnis auf der Grundlage der Forschungsarbeit von Asteris Kutulas

Ref.: Guy Wagner: Mikis Theodorakis. Ein Leben für Griechenland. Editions PHI (L) 412, 1995; ISBN 3-88865-125-5


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