Romiossini
Gedichte
von Yannis Ritsos
1.
AFTA TA DENDRA
Diesen Bäumen genügt weniger Himmel nicht
diese Steine ertragen die fremden Schritte nicht
diese Gesichter können nur unter der Sonne sein
diese Herzen können nur im Recht existieren.
Diese Landschaft ist hart wie das Schweigen
in den Schoß drückt sie ihr glühendes Gestein
ins Licht drückt sie ihre verwaisten Ölbäume und Weinfelder.
Es gibt kein Wasser. Nur Licht.
Der Weg verliert sich im Licht,
und der Schatten der Mauern ist Eisen.
2. OLI DIPSANE
Alle dürsten jetzt seit Jahren. Alle hungern.
Ihre Augen sind gerötet vom Wachsein.
Eine tiefe Linie ist eingegraben
zwischen ihren Brauen
wie eine Zypresse zwischen zwei Bergen
beim Sonnenuntergang.
Ihre Hand ist an das Gewehr geklebt.
Das Gewehr ist Fortsetzung ihrer Hand.
ihre Hand ist Fortsetzung ihrer Seele.
Sie haben auf ihren Lippen den Zorn
und sie haben die Sehnsucht tief, tief in den Augen
wie einen Stern in einer Salzgrube.
3. OTAN SFINGOUN TO CHERI
Wenn sie die Faust ballen,
ist die Sonne der Welt sicher,
wenn sie lächeln,
verlässt eine kleine Schwalbe ihre wilden Bärte,
wenn sie getötet werden,
zieht das Leben bergauf mit Fahnen
und Trommeln.
4. TOSSA CHRONIA
So viele Jahre -
alle hungern, alle dürsten, alle werden getötet
belagert von Festland und Meer.
Die Dürre fraß ihre Äcker, das Salzwasser begoss ihre
Häuser.
Durch die Löcher ihres Umhangs
geht der Tod ein und aus.
Auf den Beobachtungsposten versteinerten sie wachend
über das stürmische Meer, wo versank
der abgebrochene Mast des Monds.
Das Brot ist aufgebraucht,
die Patronen sind aufgebraucht.
Jetzt laden sie ihre Kanonen nur mit ihren Herzen.
5. BIKAN STA SIDERA
Sie setzten sich dem Eisen und dem Feuer aus,
sprachen mit Steinen,
reichten Raki dem Tod
in der Schädeldecke ihres Großvaters,
auf den gleichen Druschplätzen trafen sie Digenis
und richteten das Abendessen
die Sehnsucht in zwei Teile brechend,
wie sie auf dem Knie
das Gerstenbrot brachen.
6. DENDRO TO DENDRO
Von Baum zu Baum,
von Stein zu Stein
durchliefen sie die Welt,
mit Dornen als Kissen
durchliefen sie den Schlaf.
Sie brachten das Leben in ihren zwei trockenen Händen
wie einen Fluss.
Bei jedem Schritt gewannen sie einen Klafter Himmel,
um ihn wegzugeben.
Und als sie auf dem Platz tanzten,
zitterten in den Häusern die Decken
und klirrte das Glaszeug in den Regalen.
Sie brachten das Leben in ihren zwei trockenen Händen
wie einen Fluss.
7. KE TORA PO KLIDOSSANE
Wie schlossen doch jetzt unsere Weingärten ihre Tür,
wie verringerte sich das Licht auf Dächern und Bäumen,
wer soll es sagen, dass die eine Hälfte unter der Erde ist
und die andere Hälfte in Eisen?
8. ME TOSSA PHYLLA
Mit so vielen Blättern winkt dir die Sonne
„Guten Tag" zu,
mit so vielen Fahnen leuchtet der Himmel,
und diese in Eisen und jene unter der Erde.
Schweig, bald werden die Glocken läuten.
Diese Erde ist die ihre und die unsere.
Unter der Erde
in ihren verschränkten Armen
halten sie das Seil der Glocke
sie erwarten die Stunde
warten darauf, die Auferstehung einzuläuten.
Diese Erde ist die ihre und die unsere.
Niemand kann sie uns nehmen.
9. TRAVIXANE PSILA
Sie sind hochgestiegen, sehr hoch.
Schwer nun, klein zu werden
schwer auch, ihre Größe anzugeben
Auf den Druschplätzen, wo die jungen Helden
eines Nachts aßen
blieben die Sonnenblumenschalen
und das trockne Blut des Monds
und der fünfzehnsilbige Vers ihrer Waffen
Es bleiben die Zypressen und der Lorbeerhain.
© Übertragung aus dem Griechischen: Asteris Kutulas und Peter
Zacher
Anmerkung: Es wurden hier nur die Textzeilen der Theodorakis-Vertonung
wiedergegeben. Der vollständige Abdruck von Romiossini ("Griechentum")
findet sich u. a. in "Milos geschleift", Reclam-Verlag
1979
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