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Anfang
der 80er Jahre wählt Theodorakis erneut, nach über 20 Jahren,
die »große« Form, die symphonische, um mit dem Zuhörern
über universale Fragen in einen Dialog treten zu können, der
sich auf dem hohen Niveau der gestellten Fragen abspielt.
Statt sich vom Zuhörer zu entfernen, sucht der Komponist immer, den
Zuhörer an sich heranzuführen, indem er durch seine Musik Emotionen
in ihm weckt, denn seine neue symphonische Sprache läßt nicht
indifferent.
»In der Tat ist Theodorakis' Musik revolutionär. Obschon
komplex, vielsinnig und auf musikalischer Ebene neue Wege gehend, bleibt
sie dennoch ganz verständlich, und dies auch für andere als
die alleinigen Musikologen und >Eingeweihten<. Sie wird durch die
wahre Volkskultur inspiriert, die Kultur, durch die das Volk seine Ängste,
seine Kämpfe, seine Freuden, seine Authentizität ausdrückt:
die Kultur, durch die der Mensch lernt, wer er ist, und durch die er lernt,
sein Wesen mitzuteilen. Sie inspiriert gleichzeitig diese Kultur und schmiedet
uns damit die stärkste Waffe gegen jene, die uns verblenden wollen,
um uns zu verderben (cf.: Sophokles. Antigone, 620): eine gemeinsame Stimme.«
(Ariel Parker, 1982)
Theodorakis' symphonische Musik lässt sich nicht mit den gängigen
Kritikerkriterien allein messen.
Den Kritikern macht es der Komponist leicht. Er lässt ihn in seiner
Musik Anklänge an Strawinsky oder an Orff oder an Prokofiew oder
an Milhaud oder an Cecil B. de Mille oder an Janácek oder an Schostakowitsch
wiederfinden (all diese Namen haben wir in Rezensionen zur »Zweiten
Symphonie« gelesen!), so daß es leicht wird, von billigen
oder verbrauchten kompositorischen Mitteln zu sprechen, ohne auch nur
ein einziges Wort zum Inhalt der Werke sagen zu müssen.
Indem die Kritiker aber von billigen und/oder verbrauchten kompositorischen
Mitteln spricht, geben sie dem Zuhörer, der in dieser symphonischen
Musik eine Sprache gefunden hat, die auch er versteht, weil sie auf der
Melodie und dem Rhythmus - Urelementen der Musik - beruht, seinerseits
zu verstehen, dass er, der Zuhörer denn doch nicht zu jenen gehört,
die auserwählt wären! Zur Elite gehört man schliesslich
nur, wenn man unter sich bleiben kann. Also, weg mit dem Störenfried!
Das aber hindert Theodorakis nicht daran, unbeirrbar seinen Weg weiterzugehen.
Er hat erlebt, - wir haben erlebt -, dass Zuhörern beim »Lied
der Erde« (Zweite Sinfonie) oder beim Anhören der »Byzantinischen
Hymne« der Dritten Symphonie Tränen in die Augen kamen.
Theodorakis legt Emotionen bloß, und gerade damit hat er auch einen
Weg gefunden, Reflexionen zu wecken: Emotion ist nicht Selbstzweck, sondern
Mittel zum Zweck, den Zuhörer zum Nachdenken über sich, unsere
Welt und die großen Fragen der Menschheit und der Jetztzeit zu bringen.
Die entscheidende Frage unserer Zeit dreht sich um die Zukunft der Erde,
um die bedrohte Zukunft der Erde, müssen wir hinzufügen: Kommt
es zur völligen Zerstörung, kommt es zur Vernichtung des Lebensraums?
Man sollte nicht vergessen, dass zum Zeitpunkt, als Theodorakis das Werk
in Paris vollendete, die Spannungen zwischen Ost und West neue Höhepunkte
erreichte und man vor dem berüchtigten NATO-Doppelbeschluss stand.
Diese Frage ist das eigentliche Thema der Zweiten Symponie,
dessen Teilaspekte Theodorakis selbst in folgende Begriffe gefasst hat,
die Themen eines Balletts werden sollten:
Macht und Revolte. Unterdrückung und Befreiungsbewegung. Nazis
und Anne Frank. Die Bombe von Hiroshima. Neue politische Konstellationen.
Der Gesang der Erde, vor der endgültigen Zerstörung, der wir ausgesetzt
sind. Ein neuer Lebenszyklus auf einem anderen Stern: »Weihe des Frühlings«
gegen Lamento der Erde.
Das Werk in seiner eher suitenhaften als symphonischen Anlage und seiner
fast selbstverständlich klangopulenten Orchestrierung wurde sehr wohl
von Kritikern und Zuhörern in seiner Aussage verstanden:
»Diese Aussage der Überwindbarkeit der atomaren Gefahren
durch die Kraft der Völker verstärkt der Komponist durch einen
ungemein fesselnden rhythmischen Wirbel auf der Grundlage eines Volkstanzes
aus Kreta, wobei die Komposition einen geradezu dionysischen und damit sieghaften
Charakter annimmt.« (Klaus Klingbeil)
Die Verhaltenheit, mit der die Symphonie dann schliesst, stellt uns vor
die eigentlichen Fragen unserer individuellen und kollektiven Verantwortung.
Die
Anlage der Symphonie ist, wie angedeutet, suitenhaft. Theodorakis hat
in der Tat einen großen Teil der Materialien aus seiner Suite Nr.1
für Klavier und Orchester als Grundlage dieser Symphonie wiederverwendet,
Materialien, die sich mit thematischen und melodischen Motiven des Ballettes
»Antigone« vereinen, einem anderen Werk, das in der gleichen
Zeit wie die Erste Suite geschrieben wurde (1957/58).
Beide beruhen auf der Technik des Tetrachords, die Theodorakis während
seines Studiums am Konservatorium von Paris entdeckt hatte und die seinen
musikalischen Absichten optimal entgegenkam. Er wird übrigens seine
Abschlussdissertation in der Klasse von Olivier Messiaen über die
Verwendung des Tetrachords im Ballett »Agon« von Strawinsky
schreiben. Der große Meister war gleichzeitig daran interessiert
und darüber irritiert: ein junger, unbekannter griechischer Komponist
war seiner Arbeitsmethode, die bis dahin noch niemand erkannt hatte, auf
die Schliche gekommen. Bisher hatte man das Werk nur als dodekaphonisch
angesehen.
Die Suite Nr.1 und das Ballett »Antigone« sind
zwar parallel komponiert worden, Theodorakis sagt allerdings, es seien
zwei Werke »von denen ich (...) glaube, dass das erste zu streng
'dyonisisch' und das zweite zuausschließlich 'apollinisch' war,
um mit Nietzsche zu sprechen. Das Gleichgewicht zwischen diesen zwei Elementen
war die einzige Lösung, um daraus ein vollständiges, abgeschlossenes
Werk zu machen, das heisst, ein Werk, das die ganze Vielfalt und Reichweite
der menschlichen Gefühlen und die gesamte Komplexität eines
Ganges durch die Zeit ausdrückt.« (Theodorakis an Guy
Wagner. Einleitung zur ersten Ausgabe seiner Biographie).
Dieser Gang durch die Zeit ist auch ein Gang durch den Raum, der zum Ende
aller Zeiten voranschreitet. Die Zweite Symphonie, der Theodorakis den
Titel: »Das Lied der Erde« gegeben
hat und zu der er selbst den Gedichtstext im Herzen des Werkes geschrieben
hat, ist in der Tat eine Komposition, die die Ängste und Sorgen unserer
Welt ausdrückt.
Um jedem Missverständnis entgegenzutreten: Für Theodorakis bedeutet
»Das Lied der Erde« , dass die Erde ihren letzten Gesang anstimmt,
während bei Gustav Mahler der gleiche Titel ein »Lied auf die
Erde« darstellt...
Der erste Satz (Andante - Andante moderato - Andante cantabile
- Allegro marcato - Andante) beginnt mit einer klagenden Einleitung, die
dem Thema von Antigone und Hämon zu Anfang des Ballettes
»Antigone« entspricht. Sie führt zum Einsatz
des Soloklaviers, das die Entwicklung des Satzes bestimmt und sich auf
den 2. Satz der Suite Nr.1 stützt. Holz-, Blechbläser
und Perkussion schaffen eine drängende rhythmische Spannung, bis
die Flöte ein neues klagendes Motiv anstimmt: Die Beklemmung dauert
an, und der Satz schliesst mit einer intensiven choralähnlichen Melodie
ab.
Der zweite Satz (Presto - Adagio - Vivace - Adagio - Andante sostenuto)
fußt auf dem Anfangsatz der Ersten Suite und legt den Akzent
auf das vielfältige Schlagzeug; er wird immer dichter und nimmt schliesslich
eine andere Wendung; er vermischt Elemente der Suite und Teile
aus »Antigone«, um eine neue Einheit zu begründen:
So alternieren Ausbrüche des gesamten Orchesters mit ruhigen und
verträumten Episoden, wobei erstere der Suite entstammen
und letztere aus »Antigone« herkommen. Erstaunlich
ist aber die neue Kohäsion, die Theodorakis so gelingt, und diese
stellt einen neue ethische Vision dar.
Der dritte Satz (Andante- Andante cantabile - Lento) ist der komplexeste
und zugleich differenzierteste der Symphonie. Er beginnt tänzerisch:
Kein Wunder, da er sich ganz auf Teile des Ballettes »Antigone«
stützt. Er folgt eine liedhafte Melodie, angestimmt durch Oboe
und Streicher. Auch sie findet sich im Ballett wieder. Sie führt
zum lyrischen Höhepunkt der Symphonie, der sich ohne Pause anschliesst:
Auf feinen Akkorden der Streicher stimmen Kinder das letzte »Lied
der Erde« an. Die Vision der großen Katastrophe konkretisiert
sich im Schlussteil des Satzes, dessen Instrumentierung zugleich spektakulär
und beklemmend ist und den Gang zum Abgrund heraufbeschwört, - Kernthematik
des Werkes. Der Komponist führt sogar die Glissandi des zweiten Satzes
und des »Antigone«-Finales weiter, aber es ist, als
ob diese keine Energie mehr hätten anzudauern.
Das Finale vereint die beiden letzten Sätze der Suite
zu einem Ganzen, wodurch ein stärkerer Zusamenhang entsteht (Presto-Adagio
/ Dolce). Es fußt auf einprägsamen kretischen Rhythmen. Da
es seinen Ursprung in der Suite hat, kommt dem Soloklavier wieder
eine ebenso große Bedeutung zu wie im Einleitungssatz. Es führt
diesen Tanz am Rande des Abgrundes zu seinem Höhepunkt. Da aber Theodorakis
kein Werk auf einer Katastrophe oder im Nichts enden lassen kann, fügt
er einen kleinen Hoffnungsschimmer hinzu: Mit delikaten Akkorden stimmt
das Soloklavier eine intensive lyrische und meditativen Melodie an, eine
byzantinische Hymne, die zu einer - fragenden - Hymne auf das Leben wird.
Sie wird von den Bläser ebenso meditativ aufgenommen und in die Stille
geführt .
©
Guy Wagner 1983-2003 |