Zur »Dritten Symphonie«

von Guy Wagner

D. Solomos Dionysios Solomos

Es ist menschlich äusserst bedeutsam, daß Theodorakis das Thema der »Mutter« immer wieder aufgreift.

Mit »Epitaphios«, dem Klagegesang einer Mutter über ihren ermordeten Sohn, hatte er die griechische Musik verändert.

In der »Ballade vom toten Bruder«, der ersten neugriechischen Musiktragödie, stellt er eine Mutter in den Mittelpunkt, die um ihre beiden Söhne, in verfeindeten Lagern während des Bürgerkrieges umgekommen, weint.

Die Dritte Symphonie behandelt in ihrer großen Form, das gleiche Thema: das Schicksal der griechischen Mutter, das Los der Mütter dieser Welt.

Das Symbol der Mutter entflieht daher dem Konkreten: »Es wird gigantisch, allgemein menschlich, reicht an Urerinnerungen heran, die das Gewebe der menschlichen Tragödie bilden.« (Theodorakis in: Anatomie der Musik S.31)

Die Dritte Symphonie greift auf die Dritte Suite zurück, in der Theodorakis eine erste musikalische Deutung des »genialen Gedichtes« (Theodorakis in: Anatomie der Musik S.27) von Dionysios Solomos: »I treli Mana« (Die wahnsinnige Mutter) verwirklicht hatte.

Dass Theodorakis neue Formen, z.B. Rockrhythmen gezielt in den musikalisch komplexen Ablauf einbezieht, macht deutlich, wie er über den »Zustand« seiner Musik der 50er Jahre hinauskommen will und dass er sehr wohl alle Möglichkeiten kennt, um die Zeitlosigkeit und die immer erneuerte Aktualität eines solchen Themas zu verdeutlichen.

In dieser Hinsicht soll vor allem auf den zweiten Satz, ein Scherzo, hingewiesen werden, dessen klangliche und rhythmische Intensität eine halluzinatorische Wirkung heraufbeschwört, die dem Gehalt des Werkes und dem Inhalt des Textes genau entspricht.

Um so ergreifender ist dann der dritte Satz, die expressive »Hymne für Petros von der EPON«, der Jugendorganisation der Nationalen Befreiungsbewegung, auf der Grundlage der drei bedeutendsten byzantinischen Melodien des Karfreitags-Gottesdienstes, des kirchlich-religiösen »Epitaphios«, und diese ruhen nun auf einem Vers von Konstantin Kavafis: »Es gibt kein Schiff, keine Straße« und einem von Theodorakis selbst: »Wir sind alle zusammen umzingelt«:

»Byzanz, Solomos, Kavafis, das ist eine wahr Widmung an die höchsten Errungenschaften der hellenischen Welt, ein Versinken im Heiligsten der Heiligen des Griechentums«. (Anatomie S.27)

Die Musik wird zur Hommage auf ein weiteres Kind, ein weiteres Opfer, das eine weitere weinende Mutter zurücklässt.

Das Finale greift alle Fäden nochmals auf, aber seine Unerbittlichkeit und Bedrohlichkeit führen zu einer Katastrophe, aus der es kein Entrinnen gibt: »die Vorschrift 'morendo' über dem Schlußakkord ist mehrdeutig, meint Musik und Heldin.« (Peter Zacher im Programmheft zur Uraufführung).

In diesem Werk zeigt sich die Kompositionstechnik von Theodorakis sehr deutlich: Er macht klar, dass er sehr wohl die überlieferten Formen auffüllen kann, dass diese aber nicht Selbstzweck sind, sondern nur Mittel.

So gibt der Tetrachord, mit dem er sich jahrelang auseinandergesetzt hat, ihm gerade in diesem Werk die Möglichkeit, vom rein Tonalen wegzukommen und sich der Polytonalität und dem Polychromatismus zuzuwenden, aber das für ihn Wesentliche zu bewahren: seine Melodie.

So werden die Themen und Motive des Einleitungssatzes zwar geschickt entwickelt, ihre Synthese aber verwirklicht sich nicht im diesem Satz, sondern erst am Schluss des Werkes.

Das heißt: Theodorakis' Perspektive einer metasymphonischen Musik geht von der Voraussetzung aus, dass die klassische Musiksprache gekannt und beherrscht ist, dass sie aber zu anderen Sprachen und Musiken in Beziehung gebracht wird, vor allem aber zur griechischen Dichtung und Volksmusik.

© Guy Wagner in: Mikis Theodorakis. Ein Leben für Griechenland. Ed. Phi, 1995

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