Rede in Mauthausen am 7.5.1995

Simon Wiesenthal

 

Ich habe überlebt. Als Überlebender bin ich Zeitzeuge. Wenn dieses Überleben im Hinblick auf das Furchtbare, das heute unter dem Begriff HOLOCAUST zusammengefaßt wird, überhaupt einen Sinn gehabt haben soll, dann doch vor allem den, das Erinnern an das Unvorstellbare wachzuhalten, das Vergessen und Verdrängen zu verhindern und all das in die Vision einer besseren Zukunft einzubauen, in der Derartiges oder Ähnliches nie mehr irgendwo auf dieser Erde geschehen kann.

Wir Überlebende sind dem Schicksal dankbar, daß der heutige Akt des Gedenkens stattfinden kann und die ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Verbrechen des Nationalsozialismus nicht dem Vergessen überlassen wurden. Ich gedenke der Opfer des unvorstellbaren Massenmordens, in dem meine Mutter, die Mutter meiner Frau, unsere Verwandten, meine Freunde, meine Kollegen, meine Kameraden aus verschiedenen Lagern, wo wir zusammen waren, und nicht zuletzt die Kameraden des sogenannten Russenlagers in Mauthausen, die mit mir auf dem Todesblock Baracke 6 lagen, zugrunde gegangen sind. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, wir hörten den Ruf: »Sie kommen.« Es waren damit die Amerikaner gemeint. Wer von uns noch die Kraft dazu hatte, schleppte sich aus der Baracke, um dem amerikanischen Tank entgegen zu sehen. Wir waren zu schwach, um näher zu kommen. Viele meiner Kameraden starben in diesem Moment oder Stunden später - ob im Bewußtsein ihrer Befreiung und des Zusammenbruches des Nationalsozialismus, kann niemand sagen.

In gemeinsamer Trauer wollen wir derer gedenken, die heute vor 50 Jahren ihre letzten Stunden hier verbrachten.

Der Nationalsozialismus, der die Welt beherrschen und versklaven wollte, bestand de facto aus einer Komposition aus Haß und Technologie. Haß ist etwas Furchtbares. Haß ging dem millionenfachen nationalsozialistischen Verbrechen voraus. Wir müssen diese Verbrechen verachten, nicht nur, weil sie unsere Familien hingemordet haben, sondern weil sie die Würde des Menschen zertreten haben und damit auch die Würde Gottes - der die Menschen ja nach seinem Ebenbild erschuf.

Die Welt hat Hitler und das nationalsozialistische Regime viel zu lange unterschätzt. Diese Fehleinschätzung hatte tragische Folgen.

Versuchungen zum Unrecht gibt es immer wieder, auch in einer so offenen, so freien Gesellschaft, wie wir sie jetzt in Österreich haben. Je mehr wir uns uneingeschränkt der ganzen Geschichte erinnern, umso leichter wird es uns fallen, solchen Versuchungen zu widerstehen und gemeinsam eine moralisch wertvolle Zukunft zu bauen.

Würden wir vergessen, verdrängen oder das Geschehen verfälschen, käme das Gestern unbewältigt immer wieder auf uns zu und würde uns und unsere Nachkommen daran hindern, das Morgen richtig und menschenwürdig zu gestalten.

Das sagt Ihnen einer, der Mauthausen auf dem Todesblock wie durch ein Wunder überlebt hat.
 

© Simon Wiesenthal

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